Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
SMERSCH war die militärische Spionageabwehr der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Die Abkürzung steht für „Smert schpionam“, auf Deutsch „Tod den Spionen“; in englischsprachigen Texten heißt sie SMERSH. Die Organisation entstand im April 1943 aus den bisherigen Sonderabteilungen des NKWD und wurde dem Volkskommissariat für Verteidigung unterstellt. Bis zu ihrer Auflösung im Mai 1946 jagte sie gegnerische Agenten, überwachte die eigenen Soldaten und verhaftete in den eroberten Gebieten Tausende Menschen, auch in Deutschland.[1][2][3]
Das Wichtigste in Kürze
- Gründung: Beschluss des Rates der Volkskommissare vom 19. April 1943; die militärische Abwehr wurde aus dem NKWD herausgelöst.[1]
- Leitung: Wiktor Abakumow (1908–1954), der direkt Stalin unterstand.[1][4]
- Aufgaben: Abwehr deutscher Geheimdienste, Kampf gegen „Zersetzung“ in der Roten Armee, Überprüfung von Heimkehrern.[1]
- Ende: Am 4. Mai 1946 wurde die Hauptverwaltung als 3. Hauptverwaltung in das Ministerium für Staatssicherheit (MGB) eingegliedert.[1]
Wie entstand SMERSCH?
Militärische Spionageabwehr gab es in der Roten Armee schon vorher. Sie lag bei den sogenannten Sonderabteilungen, die zum Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten gehörten, dem NKWD. Mit dem Beschluss vom 19. April 1943 wurden diese Abteilungen in Abwehrabteilungen umgewandelt und dem Volkskommissariat für Verteidigung beziehungsweise dem Volkskommissariat der Seekriegsflotte unterstellt.[1] Daneben gab es eine Smersch-Abteilung im NKWD selbst. Unter demselben Namen arbeiteten also drei getrennte Stellen; die bekannteste war die Hauptverwaltung beim Verteidigungskommissariat.[6]
Den Namen soll nach Angaben eines früheren Geheimdienstmitarbeiters Stalin selbst geprägt haben. Der Historiker Peter Erler sieht darin einen bewussten Rückgriff auf einen Aufruf der frühen Geheimpolizei Tscheka von 1919, der mit „Tod den Spionen!“ überschrieben war.[1]
Wer leitete SMERSCH?
Leiter der Hauptverwaltung war Wiktor Abakumow. Er hatte seit Juli 1941 bereits die Sonderabteilungen des NKWD geführt.[1] Mit der Gründung von SMERSCH unterstand er nicht mehr Lawrenti Berija, sondern unmittelbar Stalin, der zugleich Volkskommissar für Verteidigung war.[4]
Abakumows Laufbahn zeigt, wie eng die Abwehr mit dem Machtapparat verbunden war. Im Mai 1946 wurde er Minister für Staatssicherheit. Im Juli 1951 wurde er abgesetzt und verhaftet. Im Dezember 1954, nach Stalins Tod, verurteilte ihn das Militärkollegium des Obersten Gerichts in Leningrad unter anderem wegen unbegründeter Verhaftungen, verbotener Verhörmethoden und gefälschter Ermittlungsakten zum Tod; das Urteil wurde in Leningrad vollstreckt.[4]
Welche Aufgaben hatte SMERSCH?
Der Gründungsbeschluss nannte zwei große Aufgabenfelder. An erster Stelle stand die Abwehr deutscher und anderer Geheimdienste, die gegen die Fronttruppen arbeiteten. Daneben sollte SMERSCH jede Form von „Zersetzung“ in den eigenen Streitkräften bekämpfen, etwa Fahnenflucht, Befehlsverweigerung, Landesverrat oder „defätistische“ Äußerungen.[1]
Mit dem Vormarsch der Roten Armee kamen ab 1944 weitere Aufgaben hinzu. Operative Gruppen der Abwehr gingen gegen antisowjetische Partisanen in der Ukraine, im Baltikum und in Polen vor und wurden in Ostmitteleuropa gegen politische Gegner der kommunistischen Parteien eingesetzt.[1] Außerdem saßen Smersch-Offiziere in den Überprüfungs- und Filtrationskommissionen der Lager für Heimkehrer. Dort beschuldigten sie nach Erlers Darstellung Zehntausende frühere Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, Verrat begangen oder den Feind unterstützt zu haben.[1]
Nach übereinstimmenden Darstellungen galten die Opergruppen der Abwehr wegen ihrer brutalen Verhörmethoden als besonders gefürchtet.[1][4] Auch die eigenen Spitzenmilitärs waren nicht ausgenommen: Nach dem Historiker Nikita Petrow hörte SMERSCH unter anderem Marschall Georgi Schukow ab.[4]
Was tat SMERSCH 1945 in Deutschland?
Etwa ab Ende April 1945 nahmen operative Gruppen von NKWD und SMERSCH in den von sowjetischen Truppen besetzten Gebieten gezielt Menschen fest.[2] SMERSCH suchte dabei vor allem nach hohen Beamten, NSDAP-Funktionären, Mitarbeitern deutscher Geheimdienste und Verwaltungsfachleuten aus den besetzten sowjetischen Gebieten. Jugendliche wurden oft beschuldigt, der kaum existierenden Untergrundorganisation „Werwolf“ anzugehören. Gezielt gesucht wurden auch frühere Sowjetbürger, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, etwa in der Wlassow-Armee.[1]
Wer festgenommen wurde, kam ohne Rechtsbeistand in Untersuchungshaft und anschließend häufig vor ein sowjetisches Militärtribunal. Sowjetische Militärtribunale verhängten in der SBZ/DDR nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung insgesamt 3.301 Todesurteile gegen Deutsche, 2.542 davon wurden vollstreckt. Diese Zahl umfasst Verfahren nach Ermittlungen aller sowjetischen Dienste und mehrerer Jahre, nicht nur von SMERSCH.[5] In Potsdam richtete die Spionageabwehr im Sperrgebiet „Militärstädtchen Nr. 7“ ihre Deutschlandzentrale ein. Ein ehemaliges Pfarrhaus in der Leistikowstraße diente ab Spätsommer 1945 als Untersuchungsgefängnis; heute ist dort eine Gedenkstätte.[3]
Zwischen SMERSCH und dem NKWD-Bevollmächtigten in Deutschland, Iwan Serow, gab es 1945 offenen Streit um Zuständigkeiten. Abakumow weigerte sich, seine Opergruppen und Gefängnisse abzugeben, und setzte sich durch.[1]
SMERSCH, NKWD und GRU: Wer machte was?
Die drei Namen werden oft verwechselt. Eine kurze Einordnung:
| Dienst | Schwerpunkt | Zusammenhang mit SMERSCH |
|---|---|---|
| SMERSCH | Spionageabwehr in den Streitkräften, Überwachung der eigenen Truppen | 1943 aus dem NKWD herausgelöst, dem Verteidigungskommissariat unterstellt |
| NKWD | Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten; in der SBZ Internierung Verdächtiger in Speziallagern | bis 1943 Träger der militärischen Abwehr; 1945 Konkurrent in Deutschland |
| GRU | Militärische Aufklärung, also Informationsbeschaffung über den Gegner | eigener militärischer Nachrichtendienst, keine Abwehrbehörde |
SMERSCH beschaffte also keine Informationen über den Gegner, sondern schützte die eigene Armee vor ihm und überwachte zugleich deren Loyalität.[1][5] Mit der Eingliederung ins MGB 1946 verschwand der Name. Die militärische Abwehr bestand weiter, in der Sowjetischen Besatzungszone als eigenständige Einheit, und gehörte ab 1954 zum KGB.[1]
Heldenmythos oder Repressionsapparat? Eine Quellenfrage
Über SMERSCH gibt es zwei sehr unterschiedliche Erzählungen. In Russland wird die Organisation bis heute zu Jahrestagen als erfolgreiche Abwehr gewürdigt. Die Parlamentszeitung der Staatsduma nannte 2018 zum 75. Jahrestag unter anderem 30.000 enttarnte Spione und mehr als fünf Millionen überprüfte frühere Kriegsgefangene und Verschleppte.[6] Solche Zahlen stammen aus der Selbstdarstellung des Apparats und lassen sich nicht unabhängig prüfen. Auch Erler gibt die Zahl von mehr als fünf Millionen Überprüften nur als „angeblich“ wieder.[1]
Die Forschung in Deutschland stützt sich dagegen auf Häftlingsberichte, Akten der Militärtribunale und Gedenkstätten. Sie beschreibt Folter, erzwungene Geständnisse und Urteile gegen Menschen, die nichts mit Spionage zu tun hatten.[1][3] Beide Bilder schließen sich nicht vollständig aus: SMERSCH bekämpfte tatsächlich deutsche Agenten. Wer die Organisation verstehen will, sollte aber im Blick behalten, dass Spionageabwehr unter Stalin vor allem auch Kontrolle der eigenen Armee und Bevölkerung bedeutete. Die Zahl der Betroffenen insgesamt ist nicht bekannt; selbst für das Potsdamer Gefängnis kennt die Gedenkstätte nur einen Teil der Namen.[3]
Bekannt ist der Name im Westen vor allem durch die Literatur. Ian Fleming machte SMERSH schon im ersten James-Bond-Roman „Casino Royale“ und später etwa in „Liebesgrüße aus Moskau“ zur Gegenorganisation. Seine Darstellung beruhte auf einem dramatisierten Bericht und hatte mit der realen, 1946 aufgelösten Behörde wenig gemein.[7] Mehr zu Bond finden Sie bei den fiktionalen Agenten.
Häufige Fragen
Was bedeutet SMERSCH?
SMERSCH ist eine Abkürzung aus dem Russischen „Smert schpionam“, also „Tod den Spionen“. Die englische Schreibweise lautet SMERSH.[1]
Gibt es SMERSCH heute noch?
Nein. Die Hauptverwaltung wurde im Mai 1946 in das Ministerium für Staatssicherheit eingegliedert und verlor ihren Namen. Die militärische Spionageabwehr setzte die Arbeit unter anderen Bezeichnungen fort, später innerhalb des KGB.[1]
Was war der Unterschied zwischen SMERSCH und dem NKWD?
SMERSCH war seit April 1943 für die Abwehr in der Armee zuständig und dem Verteidigungskommissariat unterstellt. Das NKWD war das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten; im besetzten Deutschland internierte es Verdächtige ohne Gerichtsverfahren in Speziallagern.[5] Im besetzten Deutschland arbeiteten beide bei Verhaftungen nebeneinander, teils auch in Konkurrenz.[1][2]
Mehr zur Einordnung finden Sie im Überblick Russische Nachrichtendienste, in den Porträts von NKWD, KGB, GRU und Tscheka sowie unter Geschichte der Nachrichtendienste.
Zum Weiterlesen
Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.
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Quellen
- Peter Erler / Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (Freie Universität Berlin): Relikt der Unmenschlichkeit. Die sowjetische Spionageabwehr und ihr Untersuchungsgefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße 1. Fachaufsatz, ZdF 18/2005; ausgewertet S. 138–142 im Volltext (Gründung, Aufgaben, Deutschland 1945/46, MGB, Weiterbestehen bis 1994). Abgerufen am 25.10.2026.
- Peter Erler / Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (Freie Universität Berlin): Verhaftungen, Internierung und viel Theater. Die letzten Monate von Heinrich George in Berlin (Mai 1945 – Juli 1946), Teil II. Fachaufsatz, ZdF 27/2010; ausgewertet der Einstieg zu den Verhaftungsaktionen von NKWD und SMERSCH ab Ende April 1945. Abgerufen am 25.10.2026.
- Gedenkstätte Leistikowstraße Potsdam (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten): 1945–1991 Zentrales Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Militärspionageabwehr. Darstellung der Gedenkstätte zu Ort, Häftlingsgruppen, Haftbedingungen und Militärtribunalen. Abgerufen am 25.10.2026.
- Nikita Petrow / Nowaja Gaseta: Viktor Abakumov: «Menja vse dolžny bojat’sja». Russischsprachiger Beitrag des Memorial-Historikers vom 11.07.2012 zu Abakumows Laufbahn, Verhaftung 1951 und Prozess 1954. Abgerufen am 25.10.2026.
- Jörg Echternkamp und Peter Lieb / Bundeszentrale für politische Bildung: Die Ahndung von NS- und Kriegsverbrechen in der SBZ/DDR. Überblick, Stand 25.11.2025; ausgewertet zu Speziallagern und Urteilen sowjetischer Militärtribunale. Abgerufen am 25.10.2026.
- Parlamentskaja Gaseta: Dlja kogo strašen «Smerš». Russischsprachiger Gedenkartikel der Zeitung der russischen Föderalversammlung vom 19.04.2018; hier nur als Beispiel für die offizielle russische Darstellung und deren Zahlen ausgewertet. Abgerufen am 25.10.2026.
- Jeremy Duns: Smersh vs Smersh. Essay eines Bond-Forschers zu Flemings Quellen und den Abweichungen von der realen Organisation (Auszug aus dem E-Book „Need to Know“). Abgerufen am 25.10.2026.