Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Fremde Heere Ost (FHO) war die Abteilung im Generalstab des Heeres, die im Zweiten Weltkrieg die militärische Lage auf sowjetischer Seite beurteilte. Bekannt ist sie vor allem durch ihren Leiter Reinhard Gehlen, der nach dem Krieg mit Unterlagen und Personal der Abteilung die Organisation Gehlen aufbaute – den Vorläufer des BND. Dieses Porträt stützt sich auf das Bundesarchiv, die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte des Instituts für Zeitgeschichte, die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und die Darstellung des BND.
Das Wichtigste in Kürze
- Auswertung statt Spionage: FHO wertete vor allem Gefangenenbefragungen und Erkenntnisse von der Front aus; Spionage war Sache der Abwehr.[5]
- Leitung: ab 1942 Reinhard Gehlen; Hitler setzte ihn im April 1945 ab.[3][4]
- Nach 1945: Aus Gehlens Kreis entstand 1946 unter US-Aufsicht die Organisation Gehlen, 1956 der BND.[3][8][9]
Einordnung und Aufgaben
Im Bundesarchiv ist FHO als 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres verzeichnet; ihre Lageberichte über die Sowjetunion sind dort ab 1939 überliefert.[1] Eine eigene Abteilung Fremde Heere West war für die westlichen Gegner zuständig.[2]
FHO betrieb nach einer Rezension der Gehlen-Biografie von Rolf-Dieter Müller keineswegs umfassende verdeckte Aufklärung; Grundlage ihrer Arbeit waren Befragungen von Kriegsgefangenen und Erkenntnisse aus dem unmittelbaren Frontbereich. Die verdeckte Beschaffung lag bei der Abwehr unter Wilhelm Canaris.[5] Für die Abwehr leitete Hermann Baun die frontnahe Spionage gegen die Sowjetunion.[3]
Reinhard Gehlen
Reinhard Gehlen (1902–1979)[3][7] übernahm die Leitung 1942; die Verlagsbeschreibung zum Buch von Magnus Pahl nennt April 1942, Gehlens Mitarbeiter Gerhard Wessel nach dem Krieg Mai 1942.[4][6] Im April 1945 setzte Hitler Gehlen ab, nach einer Studie der CIA, weil er dessen pessimistische Lageberichte zurückwies. Wessel führte die Abteilung danach geschäftsführend und war mit ihrer Auflösung in Zossen bei Berlin befasst.[3][4]
Wie gut war die Arbeit?
Nach Pahls Darstellung arbeitete die Abteilung professionell und operativ-taktisch zuverlässig; strategisch blieben ihr aber die sowjetische Rüstungsindustrie und die Offensivpläne der Roten Armee weitgehend verborgen.[6] Nach der Rezension von Peter März wurde dort, wo Informationen fehlten, „wild spekuliert“; vor der Schlacht bei Kursk 1943 schätzte FHO die sowjetischen Kräfte nur auf etwa ein Drittel ihres tatsächlichen Potenzials.[5]
Von FHO zum BND
Gehlen ließ im Frühjahr 1944 vorbereiten, Unterlagen für die Zeit nach dem Krieg zu sichern. Nach der Rezension von März wurden Akten auf Mikrofilm in 50 Stahlkisten in den Alpen vergraben; Gehlen wartete mit ausgewählten Offizieren in Bayern auf die Amerikaner.[4][5] Im August 1945 brachten die Amerikaner ihn mit sechs Offizieren in die USA; im Juli 1946 kehrte er zurück.[3]
Am 1. April 1946 startete der US-Militärgeheimdienst die „Operation Rusty“, in der Gehlen die Auswertung leitete. Ende 1947 zog die Organisation nach Pullach bei München und wurde bald Organisation Gehlen genannt.[8] Am 1. Juli 1949 übernahm die CIA die Verantwortung.[3][9] Am 1. April 1956 wurde daraus der Bundesnachrichtendienst; Gehlen war sein erster Präsident bis 1968.[8][9]
Die Unabhängige Historikerkommission zur Geschichte des BND stellte nach der bpb fest, dass in der Organisation Gehlen und im frühen BND zahlreiche schwer belastete Täter aus der Zeit des Nationalsozialismus arbeiteten.[9][10]
Warum das heute wichtig ist
Fremde Heere Ost ist das Bindeglied zwischen dem militärischen Nachrichtenwesen der Wehrmacht und dem heutigen Auslandsnachrichtendienst der Bundesrepublik. Mehr dazu in den Porträts BND, Abwehr und SD / RSHA sowie im Beitrag Nachrichtendienste in Deutschland.
Häufige Fragen
Was war Fremde Heere Ost?
Fremde Heere Ost (FHO) war die Abteilung im Generalstab des Heeres, die im Zweiten Weltkrieg die militärische Lage auf sowjetischer Seite beurteilte. Bekannt ist sie vor allem durch ihren Leiter Reinhard Gehlen, der nach dem Krieg mit Unterlagen und Personal der Abteilung die Organisation Gehlen aufbaute – den Vorläufer des BND.
Welche Aufgaben hatte Fremde Heere Ost?
Im Bundesarchiv ist FHO als 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres verzeichnet; ihre Lageberichte über die Sowjetunion sind dort ab 1939 überliefert. Eine eigene Abteilung Fremde Heere West war für die westlichen Gegner zuständig.[1][2]
Zum Weiterlesen
Fremde Heere Ost. Hitlers militärische Feindaufklärung
StudieMagnus Pahl · Ch. Links, 2012 – Studie (464 Seiten) zur militärischen Feindaufklärung der Wehrmacht gegen die Sowjetunion.
Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik
BiografieRolf-Dieter Müller · Ch. Links, 2017 – Zweibändige Biografie des ersten BND-Präsidenten, erschienen in der Reihe der Unabhängigen Historikerkommission.
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Quellen
- Bundesarchiv: RH 2/2106, Lageberichte Ost (Abt. Fremde Heere Ost, 12. Abt. GenStdH), Archivportal-D, abgerufen am 14.10.2026.
- Bundesarchiv: RH 2/3994 (Fremde Heere West, 3. Abt. GenStdH), Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 14.10.2026.
- Thomas Wolf: Die Anfänge des BND. Gehlens Organisation – Prozess, Legende und Hypothek. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016), H. 2, Institut für Zeitgeschichte, abgerufen am 14.10.2026.
- Kevin C. Ruffner (Hrsg.): Forging an Intelligence Partnership: CIA and the Origins of the BND, 1945–49, Bd. I, CIA History Staff 1999 (freigegeben 2002), darin die Aussage von Gerhard Wessel. Abgerufen am 14.10.2026.
- Peter März: Rezension zu Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. In: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat 42/2018, S. 186–189, abgerufen am 14.10.2026.
- Perlentaucher: Magnus Pahl: Fremde Heere Ost. Hitlers militärische Feindaufklärung (Verlagstext und Rezensionsnotiz). Abgerufen am 14.10.2026.
- Deutsche Biographie: Gehlen, Reinhard (Registereintrag). Abgerufen am 14.10.2026.
- Bundesnachrichtendienst: Unsere Geschichte. Abgerufen am 14.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: April 1956: Gründung des Bundesnachrichtendienstes. 31.3.2026, abgerufen am 14.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 60 Jahren: Gründung des BND. 31.3.2016, abgerufen am 14.10.2026.