Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Die HVA (amtlich HV A, Hauptverwaltung A) war der Auslandsnachrichtendienst der DDR und gehörte zum Ministerium für Staatssicherheit, der Stasi.[1] Sie entstand 1951 als getarnter Dienst unter dem Namen Institut für Wirtschaftswissenschaftliche Forschung und trug die Bezeichnung HV A von 1956 bis zur Auflösung im Juni 1990.[1] Ihr wichtigstes Ziel war die Bundesrepublik mit West-Berlin.[1] Bekannt wurde sie durch ihren langjährigen Leiter Markus Wolf und durch den Fall Guillaume. Über ihre Arbeit ist weniger bekannt als über andere Teile der Stasi, weil sie ihre Akten 1989/90 fast vollständig vernichtete.[2][3]
Das Wichtigste in Kürze
- Entstehung: 1951 als Institut für Wirtschaftswissenschaftliche Forschung, 1953 Eingliederung in die Staatssicherheit, seit 1956 HV A.[1]
- Leitung: Markus Wolf (1923–2006) leitete den Dienst über drei Jahrzehnte bis 1986, danach Werner Großmann (1929–2022).[1][4][5]
- Größe 1989: 4.778 hauptamtliche Mitarbeiter, rund 1.550 inoffizielle Mitarbeiter in der Bundesrepublik.[1]
- Quellenlage: Akten weitgehend vernichtet; wichtige Ersatzquellen sind die „Rosenholz“-Karteien und die Datenbank SIRA.[2][3]
Was war die HVA in der DDR?
Die HV A war die Spionageabteilung des MfS. Ihr Name lehnte sich nach Angaben des MfS-Lexikons an die 1. Hauptverwaltung des sowjetischen KGB an. Das „A“ wurde im Westen oft als „Aufklärung“ gelesen. Das Lexikon hält diese Auflösung für unzutreffend, obwohl sie selbst auf manchen Seiten des Bundesarchivs vorkommt.[1][2] Die Schreibweisen „HVA“ und „HV A“ meinen dasselbe.
Die Vorgeschichte beginnt 1951 mit einem getarnten außenpolitischen Nachrichtendienst, dem Institut für Wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IWF). Im September 1953 wurde er als Hauptabteilung XV in das damalige Staatssekretariat für Staatssicherheit eingegliedert, ab 1956 hieß er Hauptverwaltung A.[1] Die Zahl der Hauptamtlichen wuchs nach Angaben des Bundesarchivs von zwölf am Anfang auf 1.066 im Jahr 1972 und 4.778 im Jahr 1989. 1989 gab es 20 Abteilungen, unter anderem für das Bundeskanzleramt und die Bundesministerien, für die Parteien, für NATO und EG sowie für Wissenschaft und Technik.[1]
Die SED gab die Spionageziele vor. Als wichtigsten und größten Abnehmer der Informationen nennt der Historiker Helmut Müller-Enbergs den sowjetischen KGB.[6]
Wer leitete die HVA?
Erster Leiter war Anton Ackermann (1951/52).[1] Markus Wolf übernahm den Dienst nach einer Darstellung des Bundesarchivs am 15. Dezember 1952.[7] Er stieg später zum stellvertretenden Minister für Staatssicherheit auf und schied im Februar 1986 aus der Leitung aus.[4] Sein Nachfolger Werner Großmann führte die HV A von 1986 bis 1989 als stellvertretender Minister. Er hatte selbst 1951 beim IWF begonnen.[5] In der Auflösungsphase 1989/90 nennt das MfS-Lexikon Bernd Fischer als letzten Leiter.[1]
Wolf wurde 1993 wegen Landesverrats und Bestechung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde 1995 aufgehoben. 1997 erhielt er in einem neuen Prozess eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung.[4] Weitere Lebensdaten Wolfs stehen auf der Seite Echte Agenten.
Wie arbeitete die HVA im Westen?
Die HV A suchte Quellen in den „Zielobjekten“ selbst: in Regierung, Parteien, Behörden und Bündnisorganisationen.[1] Nach Müller-Enbergs spionierten insgesamt etwa 3.000 bis 3.500 Bundesbürger für die DDR, davon mindestens 1.553 für die HV A. Rund zwei Drittel handelten demnach überwiegend aus politischer Überzeugung, oft verbunden mit materiellen Interessen. Erpressung war selten.[6]
Die sogenannte Romeo-Methode ist belegt, aber oft überzeichnet. Eine Schulungsunterlage der HV A von 1987 befasst sich mit Sekretärinnen als Zielgruppe, vor allem im Bundeskanzleramt, in Ministerien, im Bundeskriminalamt und im Auswärtigen Amt. Werber, manchmal „Romeos“ genannt, sollten ein belastbares Vertrauensverhältnis aufbauen.[8] Nach Müller-Enbergs wurden zwischen 1949 und 1987 insgesamt 58 Sekretärinnen enttarnt. Frauen machten gut 27 Prozent der Agenten aus.[6] Ein Gutachten für den Bundestag kam 2013 zu einem ähnlichen Befund: Von 2.190 Abgeordneten der Jahre 1949 bis 1989 waren neun bewusst für die DDR-Spionage tätig. Mitarbeiterinnen, Referenten und Journalisten im Umfeld spionierten in weit größerer Zahl.[9]
Der Fall Guillaume
Der bekannteste Fall ist Günter Guillaume. Er arbeitete unter dem Decknamen „Hansen“ für die HV A und wurde Referent von Bundeskanzler Willy Brandt.[6] Am 24. April 1974 wurden er und seine Frau Christel in Bonn festgenommen. Die Affäre führte zu Brandts Rücktritt.[10] Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte beide am 15. Dezember 1975 unter anderem wegen Landesverrats.[10] Guillaume erhielt 13 Jahre Haft und kam 1981 durch einen Agentenaustausch frei.[6]
War die HVA ein „sauberer“ Auslandsdienst?
Nach 1990 versuchten frühere Leiter der HV A nach Darstellung des Bundesarchivs, sich vom übrigen Ministerium abzugrenzen.[7] Der Publizist Karl Wilhelm Fricke widersprach schon 1997. Die HV A war dem Minister unterstellt, ihr Leiter gehörte zur Ministeriumsspitze, und die Dienstvorschriften des MfS galten auch für sie. Nach den von Fricke ausgewerteten Richtlinien sollte die HV A auch zur Verfolgung von Andersdenkenden in der DDR beitragen.[11] Für die Einordnung bedeutet das: Die HVA war kein Gegenstück zum BND, sondern ein Teil der Stasi, die keiner parlamentarischen Kontrolle unterlag.
Warum fehlen die Akten – und was sagen Rosenholz und SIRA?
Die HV A durfte sich 1990 mit Genehmigung der Regierung Modrow und des Runden Tisches selbst auflösen. Sie nutzte das, um ihre Unterlagen zu vernichten.[3] Nach Schätzungen des Bundesarchivs blieben nur etwa zehn Prozent der Personenakten erhalten, verstreut in Bezirksverwaltungen und in Beständen anderer Abteilungen.[2] Der heutige Bestand im Stasi-Unterlagen-Archiv umfasst 49 laufende Meter, meist lose Blätter aus Zufallsfunden.[3]
Zwei Ersatzquellen sind deshalb wichtig. Rosenholz ist der Name des Bundesamts für Verfassungsschutz für mikroverfilmte Karteien der HV A, die in die USA gelangt waren. Von 1999 bis 2003 übergaben die USA 381 CD-ROMs mit den Daten zu Deutschen. Sie enthalten rund 280.000 Personendaten bis 1988.[2][12] Die Karteien wurden 1993 bereits genutzt, um eine Quelle der HV A innerhalb der NATO zu enttarnen.[6] SIRA war die elektronische Datenbank der HV A. Ende 1998 gelang es, die angeblich gelöschten Bänder wieder lesbar zu machen. Besonders aufschlussreich ist die Teildatenbank 12 mit Angaben zu eingegangenen Informationen, ihren Quellen und ihrer Bewertung.[3][7]
Beide Quellen müssen sorgfältig gelesen werden. Nach Angaben des Bundesarchivs betreffen schätzungsweise 90 Prozent der Rosenholz-Daten keine inoffiziellen Mitarbeiter. Die Personenkartei nennt keinen Grund für die Erfassung, und oft stehen mehrere Personen unter einer Nummer. Der Begriff „Agentenkartei“ ist deshalb irreführend.[2] Ein Name in Rosenholz beweist also keine Spionage. Das Archiv darf keine Überprüfung allein auf diese Karteien stützen.[2]
Häufige Fragen
Was war die HVA in der DDR?
Die Hauptverwaltung A war die Spionageabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie arbeitete vor allem gegen die Bundesrepublik und West-Berlin und bestand unter diesem Namen von 1956 bis 1990.[1]
Was ist der Unterschied zwischen HVA und Stasi?
Die HVA war ein Teil der Stasi, kein eigenständiger Dienst. Sie unterstand dem Minister für Staatssicherheit und war in dessen Strukturen eingebunden.[1][11]
Bedeutet ein Eintrag in den Rosenholz-Dateien, dass jemand Spion war?
Nein. Die meisten erfassten Personen waren nach Angaben des Bundesarchivs keine inoffiziellen Mitarbeiter, und die Karteikarten nennen keinen Erfassungsgrund.[2]
Mehr zur Einordnung finden Sie im Porträt der Stasi, beim Bundesamt für Verfassungsschutz, unter Nachrichtendienste in Deutschland und auf der Seite Echte Agenten.
Zum Weiterlesen
Guillaume, der Spion. Eine deutsch-deutsche Karriere
BiografieEckard Michels · Ch. Links, 2013 – Biografie (416 Seiten) des DDR-Spions Günter Guillaume, der als Referent von Bundeskanzler Willy Brandt enttarnt wurde.
Die Stasi 1945–1990
EinstiegJens Gieseke · Pantheon, 6. Auflage 2011 – Kompakte Gesamtdarstellung (368 Seiten) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.
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Quellen
- Bundesarchiv, Stasi-Unterlagen-Archiv: Hauptverwaltung A (HV A). MfS-Lexikon, Eintrag von Helmut Müller-Enbergs; Entstehung, Leiter, Personal, Abteilungen. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv: Die „Rosenholz“-Dateien. Themenbeitrag zu Herkunft, Inhalt, Nutzung und Grenzen der Karteien sowie zur Aktenvernichtung. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv: Bestand Hauptverwaltung A. Bestandsbeschreibung mit Angaben zur Selbstauflösung, zum Umfang und zu SIRA (Stand Dezember 2021). Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv, Stasi-Unterlagen-Archiv: Wolf, Markus. Biografischer Eintrag im MfS-Lexikon. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv, Stasi-Unterlagen-Archiv: Großmann, Werner. Biografischer Eintrag im MfS-Lexikon. Abgerufen am 25.10.2026.
- Helmut Müller-Enbergs / Bundeszentrale für politische Bildung: Spione beim Klassenfeind. Dossier Stasi, 2016; Zahlen, Motive, Fälle. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv: Spionage. Themenseite zur Stasi-Spionage mit Angaben zu Wolf und SIRA. Abgerufen am 25.10.2026.
- Stasi-Mediathek (Bundesarchiv): Schulungsmaterial der HV A zur Berufsgruppe der Sekretärinnen. Dokument von 1987 mit Archiverläuterung; nur der Erläuterungstext im Auszug ausgewertet. Abgerufen am 25.10.2026.
- Deutscher Bundestag: Meldung zum Gutachten „Der Deutsche Bundestag 1949 bis 1989 in den Akten des MfS“. Textarchiv, 12.06.2013 zum Gutachten des Stasi-Unterlagen-Beauftragten. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv: Günter Guillaume – der Spion, den niemand stoppte. Geschichtsgalerie zu Laufbahn, Festnahme und Urteil. Abgerufen am 25.10.2026.
- Karl Wilhelm Fricke / Bundeszentrale für politische Bildung: Ordinäre Abwehr – elitäre Aufklärung? Zur Rolle der Hauptverwaltung A im Ministerium für Staatssicherheit. Aus Politik und Zeitgeschichte 50/1997; wissenschaftlicher Aufsatz. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundesarchiv, Stasi-Unterlagen-Archiv: Rosenholz. MfS-Lexikon, Eintrag von Helmut Müller-Enbergs. Abgerufen am 25.10.2026.