Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Die Organisation Gehlen war ein westdeutscher Nachrichtendienst, der von 1946 bis 1956 im Auftrag und mit dem Geld der USA gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten spionierte. Benannt ist sie nach Reinhard Gehlen, der im Zweiten Weltkrieg die Abteilung Fremde Heere Ost geleitet hatte.[1][2] Bis 1949 unterstand sie der US Army, danach der CIA.[2][3] Am 1. April 1956 ging aus ihr der Bundesnachrichtendienst hervor – mit Personal, Strukturen und Altlasten.[1][3]
Das Wichtigste in Kürze
- Auftraggeber: 1946 auf Initiative des US-Kriegsministeriums entstanden, bis 1949 der US Army, ab 1. Juli 1949 der CIA unterstellt.[2][3]
- Sitz: ab Dezember 1947 Pullach bei München, über Jahrzehnte ein Synonym für die deutsche Auslandsaufklärung.[1]
- Belastung: Nach der Unabhängigen Historikerkommission arbeiteten in der Organisation und im frühen BND zahlreiche schwer belastete NS-Täter.[2]
- Größter Schaden: Heinz Felfe, 1951 eingestellt, verriet rund zehn Jahre lang Interna an den sowjetischen Geheimdienst.[3][7]
Wie entstand die Organisation Gehlen?
Am Anfang stand nicht Gehlen, sondern ein amerikanischer Auftrag. Im August 1945 brachten die Amerikaner Gehlen mit sechs weiteren früheren Wehrmachtoffizieren und Akten von Fremde Heere Ost in die USA; er kehrte erst im Sommer 1946 zurück.[3] In Deutschland legte inzwischen Hermann Baun, im Krieg für die Abwehr Leiter der frontnahen Spionage gegen die Sowjetunion, der US Army schon im September 1945 ein Konzept für einen Nachrichtendienst vor.[3] Am 1. April 1946 begann der US-Militärgeheimdienst die „Operation Rusty“ zur Aufklärung der Sowjetarmee; die Auswertung leitete nach Rückkehr Gehlen.[1]
Der Apparat wuchs schnell und ungeordnet. Die US-Offiziere zahlten Geld, Zigaretten und andere schwarzmarkttaugliche Waren; nach später angestellten Schätzungen stieg die Zahl der festen Mitarbeiter und Informanten zwischen Mai 1946 und Mai 1947 von etwa 150 auf über 2.000.[3] Gesteuert wurde das alles anfangs von nur zwei amerikanischen Offizieren. Am 6. Dezember 1947 zog die Operation in die frühere Bormann-Siedlung in Pullach; bald hieß sie Organisation Gehlen.[1][3]
Von der US Army über die CIA zum BND
Am 1. Juli 1949 übernahm die CIA die Verantwortung in Pullach.[3] Nach der Bundeszentrale für politische Bildung arbeitete die Organisation bis 1955 als selbständiger Teil der CIA.[2] Bundeskanzler Konrad Adenauer erfuhr nach der bpb erst im Sommer 1949 von ihr.[4] Die CIA versuchte zunächst, die Arbeit der Organisation wirksamer zu überwachen, etwa über die Budgets. Als ab 1953/54 die Übernahme durch den Bund absehbar wurde, hielt sie ihre Mitarbeiter in Pullach trotz interner Zweifel an Gehlens Kompetenz an, Konflikte zu vermeiden.[3]
Auf deutscher Seite gab es kaum eigene Pläne für einen Auslandsdienst. Thomas Wolf zeigt in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, dass sich das Kanzleramt unter Hans Globke früh an Gehlens Wünschen orientierte; spätestens ab 1953 machten sich weder Regierung noch Opposition eigenständige Gedanken.[3] Am 11. Juli 1955 beschloss das Bundeskabinett, die Organisation in einer Dienststelle „Bundesnachrichtendienst“ beim Kanzleramt aufgehen zu lassen. Am 1. April 1956 wurde der BND gegründet, Gehlen sein erster Präsident.[1] Er blieb es bis 1968.[2] Reinhard Gehlen lebte von 1902 bis 1979.[5]
Einordnung: Gründungslegende und Aktenbefund
Lange prägte Gehlen selbst das Bild seines Dienstes. Danach habe er schon aus den Erfahrungen des Krieges heraus einen einheitlichen deutschen Nachrichtendienst angestrebt und mit den Amerikanern eine Abmachung auf Augenhöhe getroffen, ein „Gentlemen’s Agreement“. Wolf kommt nach Auswertung des BND-Archivs zu einem anderen Ergebnis: Ein solches Abkommen gab es nicht, die US-Seite diktierte die Bedingungen. Die Idee, Beschaffung und Auswertung zu verbinden, entstand erst ab Herbst 1946 im Machtkampf mit Baun. Es war Baun, nicht Gehlen, der die Selbständigkeit gegenüber der US Army verteidigen wollte.[3]
Ähnlich verhält es sich mit dem „Schottensystem“, der strengen inneren Abschottung. Gehlen stellte sie als Schutz vor gegnerischen Einbrüchen dar. Wolf deutet sie als nachträgliches Etikett für einen unübersichtlich gewachsenen Apparat. Das Gutachten zur Übernahme vom März 1955 erkannte das Prinzip dennoch an, und so wurde der Ist-Zustand der Organisation zur Norm für den BND.[3] Für Leser heißt das: Erinnerungen und Selbstdarstellungen von Geheimdienstchefs sind Quellen über deren Sicht, kein Beleg für den Ablauf. Erst der Abgleich mit Akten zeigt, wo eine Erzählung trägt.
Welche Rolle spielte die NS-Vergangenheit?
Der BND berief 2011 eine Unabhängige Historikerkommission für die Jahre 1945 bis 1968 und gewährte ihr erstmals uneingeschränkten Aktenzugang.[11] Nach der bpb kam sie zu dem Ergebnis, dass in der Organisation Gehlen und später im BND zahlreiche schwer belastete Täter aus der NS-Zeit arbeiteten.[2] Gerhard Sälter beschreibt in einer Studie aus dem Projekt der Kommission nach der Verlagsangabe, dass die Verantwortlichen seit 1946 „zielstrebig teils schwer belastete NS-Täter“ rekrutierten.[12] Wolf nennt „Aberdutzende“ belastete Angehörige der NS-Verfolgungsapparate im Personal des frühen BND; schon bei den ersten Personalentscheidungen seien Bekanntschaften aus Kriegstagen das entscheidende Auswahlkriterium gewesen.[3]
Hinzu kam Arbeit im Inland, obwohl der Dienst für das Ausland gedacht war. Klaus-Dietmar Henke beschreibt, dass der Dienst unter Gehlen verlässliche Leute in Polizei, Justiz und Verfassungsschutz platzierte und schon früh eng mit dem Kanzleramt kooperierte; Globke bat Anfang 1951 um besondere Berücksichtigung der innenpolitischen Lage.[9] In seiner Studie für die Kommission zeigt er, dass der Dienst jahrelang die SPD und kurzzeitig die FDP ausspähen ließ.[10]
Der Fall Felfe
Heinz Felfe (1918–2008) war bis 1945 SS-Obersturmführer im Sicherheitsdienst.[6][8] 1951 trat er in die Organisation Gehlen ein; im selben Jahr warb ihn nach der Verlagsangabe zu Bodo Hechelhammers Biografie der KGB an.[3][8] Felfe stieg zum Leiter der Gegenspionage gegen die Sowjetunion auf und lieferte rund zehn Jahre lang Interna an Moskau.[3][7] Am 6. November 1961 wurde er festgenommen, 1963 zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt und 1969 gegen DDR-Häftlinge ausgetauscht.[7] Der Fall zeigte, dass das Schottensystem Verrat gerade nicht eindämmte; nach Felfes Enttarnung wurden sämtliche Tarnbezeichnungen geändert.[3]
Häufige Fragen
War die Organisation Gehlen ein deutscher oder ein amerikanischer Dienst?
Beides zugleich: Das Personal war deutsch, Auftrag, Geld und Aufsicht kamen bis 1956 aus den USA – erst von der US Army, ab 1949 von der CIA.[2][3]
Wann wurde aus der Organisation Gehlen der BND?
Das Bundeskabinett beschloss die Übernahme am 11. Juli 1955; am 1. April 1956 wurde der Bundesnachrichtendienst gegründet.[1]
Warum ist die Organisation Gehlen heute noch Thema?
Weil der BND ihr Personal und ihre Strukturen übernahm. Die Historikerkommission hat NS-Belastung und Inlandsspionage dieser Zeit aufgearbeitet.[2][10]
Mehr zur Vorgeschichte im Porträt Fremde Heere Ost, zur Nachfolge beim BND, zum amerikanischen Partner bei der CIA und zum Gesamtbild unter Nachrichtendienste in Deutschland.
Zum Weiterlesen
Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953
StudieKlaus-Dietmar Henke · Ch. Links, 2018 – Studie (816 Seiten) zur Frühzeit des BND-Vorläufers, ebenfalls aus der Reihe der Unabhängigen Historikerkommission.
Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik
BiografieRolf-Dieter Müller · Ch. Links, 2017 – Zweibändige Biografie des ersten BND-Präsidenten, erschienen in der Reihe der Unabhängigen Historikerkommission.
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Quellen
- Bundesnachrichtendienst: Unsere Geschichte. Offizielle Chronik des BND; ausgewertet: Operation Rusty 1946, Pullach 1947, Kabinettsbeschluss 1955, Gründung 1956. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: April 1956: Gründung des Bundesnachrichtendienstes. Hintergrundtext vom 31.3.2026; ausgewertet: Unterstellung unter US Army und CIA, Befund der Historikerkommission. Abgerufen am 25.10.2026.
- Thomas Wolf: Die Anfänge des BND. Gehlens Organisation – Prozess, Legende und Hypothek. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016), H. 2, Institut für Zeitgeschichte. Fachaufsatz auf Grundlage des BND-Archivs; Volltext ausgewertet. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 60 Jahren: Gründung des BND. Hintergrundtext vom 31.3.2016; ausgewertet: Kenntnis Adenauers 1949, Kabinettsbeschluss 1955. Abgerufen am 25.10.2026.
- Deutsche Biographie: Gehlen, Reinhard. Registereintrag mit Lebensdaten. Abgerufen am 25.10.2026.
- Deutsche Biographie: Felfe, Heinz. Registereintrag mit Lebensdaten. Abgerufen am 25.10.2026.
- Das Parlament: Doppelagent in Pullach fliegt auf. Kalenderblatt vom 1.11.2021; ausgewertet: Festnahme, Urteil, Austausch. Abgerufen am 25.10.2026.
- Perlentaucher: Bodo V. Hechelhammer: Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten. Verlagstext und Rezensionsnotizen zur Biografie (Piper 2019). Abgerufen am 25.10.2026.
- Klaus-Dietmar Henke: Zur innenpolitischen Rolle des Auslandsnachrichtendienstes in der Ära Adenauer. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, „Überwachen“, 25.4.2014, bpb. Abgerufen am 25.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Klaus-Dietmar Henke: Geheime Dienste. Die Inlandsspionage des BND in der Ära Adenauer. Beschreibung der Studie der Historikerkommission (Schriftenreihe Bd. 10987, 2023). Abgerufen am 25.10.2026.
- Philipps-Universität Marburg: Prof. Dr. Wolfgang Krieger in die Unabhängige Historikerkommission berufen. Pressemitteilung vom 17.2.2011; Auftrag, Zeitraum, Aktenzugang. Abgerufen am 25.10.2026.
- Perlentaucher: Gerhard Sälter: NS-Kontinuitäten im BND. Rekrutierung, Diskurse, Vernetzungen. Verlagstext und Rezensionsnotiz zur Studie (Ch. Links 2022). Abgerufen am 25.10.2026.