Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Die Abwehr war der militärische Nachrichtendienst Deutschlands in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Unter Admiral Wilhelm Canaris wurde sie zugleich zu einem Zentrum des militärischen Widerstands gegen Hitler. Dieses Porträt stützt sich auf das Bundesarchiv, die Neue Deutsche Biographie (NDB), die Gedenkstätte Deutscher Widerstand (GDW) und das Deutsche Historische Museum (LeMO).
Das Wichtigste in Kürze
- Entstanden 1920 als Spionageabwehrgruppe der Reichswehr; ab 1935 Abwehrabteilung, im Krieg Amt Ausland/Abwehr im OKW.[1]
- Drei Kernabteilungen: Spionage im Ausland, Sabotage, Spionageabwehr.[1]
- Leitung 1935–1944: Wilhelm Canaris; er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg gehängt.[2][4]
- 1944 übernahm das Reichssicherheitshauptamt der SS die Abwehr.[1]
Entstehung und Namen
1920 entstand in der Heeresstatistischen Abteilung des Truppenamts eine Spionageabwehrgruppe mit zwei Referaten für Spionage und Sabotageabwehr. Daraus ging 1935 die Abwehrabteilung im Reichswehr- bzw. Reichskriegsministerium hervor.[1] Zur Umbenennung danach gibt es unterschiedliche Angaben: Nach dem Bundesarchiv hieß die Stelle 1938 Amtsgruppe Auslandsnachrichten und Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und ab Oktober 1939 Amt Ausland/Abwehr;[1] die NDB nennt schon März 1938 als Beginn des Amtes Ausland/Abwehr.[2]
Das Hauptgebäude lag an der Königin-Augusta-Straße, nach 1933 Tirpitzufer, heute Reichpietschufer – im Gebäudekomplex des heutigen Bendlerblocks.[10][11]
Gliederung und Aufgaben
Nach der Bestandsbeschreibung des Bundesarchivs bestand das Amt aus einer Zentralabteilung, der Amtsgruppe Ausland (Auslands- und Wehrpolitik, Presseauswertung, Verbindung zu Militärattachés) und drei Abwehrabteilungen:[1]
- Abwehr I: Beschaffung militärisch und kriegswichtiger Nachrichten im Ausland.
- Abwehr II: Sabotage, Sabotageschutz und die Vorbereitung von Kommandounternehmen; ihr war die Spezialtruppe „Brandenburg“ sachlich unterstellt.
- Abwehr III: Spionageabwehr in der Wehrmacht und in zivilen Bereichen, Gegenspionage und Funkabwehr.
Personalzahlen sind in den hier genutzten Quellen nicht belegt. Die erhaltenen Akten liegen im Bundesarchiv (Bestand RW 5).[1]
Canaris an der Spitze
Wilhelm Canaris (1887–1945) wurde am 1. Januar 1935 als Konteradmiral Chef der Abwehrabteilung. Sein Vorgänger, Kapitän Conrad Patzig, war nach der NDB in offenen Konflikt mit der NSDAP geraten.[2] Dem Ausdehnungsdrang des SD unter Reinhard Heydrich kam Canaris nach der NDB nachgiebig, „praktisch mehr der Form nach“, entgegen.[2] Zum Verhältnis der beiden Dienste siehe das Porträt von SD und RSHA.
Nach dem Anschluss Österreichs kam im Juni 1938 Erwin von Lahousen aus dem österreichischen Militärnachrichtendienst in die Abwehr nach Berlin. Von 1939 bis 1943 leitete er die Abteilung II. Im November 1945 sagte er in Nürnberg als Zeuge der Anklage aus.[5][6]
Widerstand in der Abwehr
Nach der NDB schuf Canaris 1938 ein technisches Zentrum der Opposition gegen Hitler, unterstützte die Umsturzpläne der Generalstabschefs Ludwig Beck und Franz Halder und ließ Hans Oster Handlungsfreiheit.[2] Oster (1887–1945) war ab 1933 in der Abwehr, ab 1939 Leiter der Zentralabteilung.[7b] Er holte im Herbst 1939 den Juristen Hans von Dohnanyi ins Amt.[12][13] Dohnanyi rettete mit dem „Unternehmen Sieben“ eine Gruppe von Juden, die er als Agenten tarnte.[12][13] Am 5. April 1943 wurde er verhaftet.[12] Oster musste nach der GDW im April 1943 ausscheiden; die NDB nennt die Entlassung zum 1. April 1944.[7a][7b] Lahousen beschaffte nach der NDB den Sprengstoff für einen Anschlagsversuch auf Hitler im März 1943.[5]
Das Ende
Als ein Abwehr-Agent in der Türkei zu den Briten überlief, wurde Canaris nach NDB und LeMO im Februar 1944 abgesetzt.[2][4] Mit einem Führerbefehl vom 12. Februar 1944 kamen Teile der Abwehr unter den Reichsführer SS; sie wurden zum „Amt Mil“ des Reichssicherheitshauptamts. Nach dem 20. Juli 1944 wurden die Abwehrabteilungen endgültig dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD unterstellt.[1] Georg Alexander Hansen, zuvor in der Abteilung Fremde Heere Ost, übernahm 1944 die Leitung; er wurde am 22. Juli 1944 verhaftet und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.[8][9]
Canaris wurde drei Tage nach dem 20. Juli verhaftet und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg gehängt, zusammen mit Hans Oster und Dietrich Bonhoeffer.[2][4] Hans von Dohnanyi wurde im April 1945 im KZ Sachsenhausen ermordet.[12][13]
Warum das heute wichtig ist
Die Abwehr unterstand allein der militärischen Führung und wurde am Ende von der SS übernommen. Wie militärische Nachrichtendienste heute in Deutschland organisiert und kontrolliert sind, zeigen die Beiträge MAD, BND und Kontrolle der Nachrichtendienste. Den Vorläufer im Kaiserreich stellt das Porträt der Abteilung IIIb vor.
Häufige Fragen
Was war die Abwehr?
Die Abwehr war der militärische Nachrichtendienst Deutschlands in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Sie gehörte zur militärischen Führung; Teile wurden 1944 in das Reichssicherheitshauptamt eingegliedert.[1]
Wie war die Abwehr gegliedert?
Das Amt umfasste eine Zentralabteilung, die Amtsgruppe Ausland und drei Abwehrabteilungen: Abwehr I für Nachrichtenbeschaffung, Abwehr II für Sabotage und Zersetzung sowie Abwehr III für Spionageabwehr.[1]
Zum Weiterlesen
Canaris. Hitlers Abwehrchef
BiografieMichael Mueller · List Taschenbuch, 2. Auflage 2007 – Biografie (576 Seiten) des Abwehr-Chefs Wilhelm Canaris.
Die deutschen Geheimdienste. Vom Wiener Kongress bis zum Cyber War
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck Wissen, 2021 – Kompakter Überblick (128 Seiten) über die Geschichte der deutschen Dienste seit dem 19. Jahrhundert.
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Quellen
- Bundesarchiv: Bestand RW 5, OKW / Amt Ausland/Abwehr (Bestandsbeschreibung im Archivportal-D). Abgerufen am 14.10.2026.
- Helmut Krausnick: Canaris, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 116–118, abgerufen am 14.10.2026.
- Bundesarchiv: Nachlass Wilhelm Canaris, N 812 (Archivportal-D). Abgerufen am 14.10.2026.
- Manfred Wichmann: Wilhelm Canaris. LeMO, Deutsches Historisches Museum, 14.9.2014, abgerufen am 14.10.2026.
- Winfried Heinemann: Lahousen, Erwin von. In: NDB-online, 1.10.2022, abgerufen am 14.10.2026.
- Avalon Project, Yale Law School: Nuremberg Trial Proceedings, 30.11.1945. Abgerufen am 14.10.2026.
- a) Michael Kißener: Oster, Hans. In: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 616 f.; b) Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Hans Oster. Beide abgerufen am 14.10.2026.
- Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Georg Alexander Hansen. Abgerufen am 14.10.2026.
- Bundesarchiv: Übernahme des Nachlasses von Georg Alexander Hansen. 6.10.2023, abgerufen am 14.10.2026.
- Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Ort des Gedenkens 1911–1933. Abgerufen am 14.10.2026.
- Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Ort des Gedenkens 1933–1945. Abgerufen am 14.10.2026.
- Susanne Eckelmann: Hans von Dohnanyi. LeMO, Deutsches Historisches Museum, 14.9.2014, abgerufen am 14.10.2026.
- Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Hans von Dohnanyi. Abgerufen am 14.10.2026.