Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Der Sicherheitsdienst, kurz SD, war der Nachrichtendienst der SS und der NSDAP. Ab 1939 bildete er zusammen mit der Gestapo und der Kriminalpolizei das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die Zentrale von Überwachung, Verfolgung und Völkermord im nationalsozialistischen Deutschland. Dieses Porträt stützt sich auf die Stiftung Topographie des Terrors, das Deutsche Historische Museum (LeMO), das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) und die Neue Deutsche Biographie (NDB).
Das Wichtigste in Kürze
- SD gegründet 1931 innerhalb der SS; seit Sommer 1934 einziger Nachrichtendienst der NSDAP.[1][3]
- RSHA gegründet am 27. September 1939: Sicherheitspolizei (Gestapo und Kriminalpolizei) und SD unter einem Dach.[1][2]
- Größe: Das RSHA hatte 1944 mit Außenstellen etwa 50.000 Mitarbeiter.[4]
- 1946 erklärte der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg den SD zur verbrecherischen Organisation.[6]
Entstehung
1931 wurde innerhalb der SS ein eigener Nachrichtendienst eingerichtet; Heinrich Himmler beauftragte Reinhard Heydrich mit dem Aufbau.[1][3] Nach LeMO leitete Heydrich den SD ab Juli 1932.[1] Im Sommer 1934 wurde der SD zum einzigen Nachrichtendienst der NSDAP; nach dem USHMM war er damit als einzige Stelle befugt, politische Informationen zu sammeln.[1][3] Sein Quartier lag im Prinz-Albrecht-Palais in der Berliner Wilhelmstraße 102.[4]
SD und Gestapo: Was war der Unterschied?
Nach LeMO war der SD für die Ermittlung von Gegnern des Regimes zuständig, die Gestapo für ihre Bekämpfung; Heydrich führte beide in Personalunion.[1] Die Sicherheitspolizei – Gestapo und Kriminalpolizei – war eine staatliche Polizei, der SD dagegen der Nachrichtendienst von SS und Partei.[2] Der SD hatte etwa 6.000 Mitarbeiter und wurde von schätzungsweise 30.000 Spitzeln aus allen Bevölkerungsschichten unterstützt.[4]
Das Reichssicherheitshauptamt
Am 27. September 1939 gründete Himmler das RSHA; erster Leiter war Heydrich.[1][2] Gestapo, Kriminalpolizei und SD blieben darin selbstständige Ämter.[4] Nach dem USHMM war das RSHA im März 1941 in sieben Ämter gegliedert, darunter Amt III (SD-Inland), Amt IV (Gestapo), Amt V (Kriminalpolizei) und Amt VI (SD-Ausland).[2] Sitz war die Prinz-Albrecht-Straße 8; im Krieg wurden Teile der Zentrale an andere Orte verlagert. 1944 zählte das RSHA mit seinen Außenstellen etwa 50.000 Mitarbeiter, die Zentrale etwa 3.500.[4]
Nachrichtendienstliche Arbeit
Im Inland lieferte der SD seit Kriegsbeginn regelmäßig Stimmungsberichte, die „Meldungen aus dem Reich“. Sie sollten der Führung zeigen, wie die Bevölkerung dachte; nach der Bundeszentrale für politische Bildung haben sie aber nichts mit moderner Meinungsforschung zu tun und sind nicht repräsentativ.[9] Dazu kamen Berichte über die Wirkung von Gesetzen und Beurteilungen der politischen Zuverlässigkeit von Funktionären und Offizieren.[1]
Im Ausland arbeitete Amt VI. Es wurde zunächst von Heinz Jost geleitet;[7] ab September 1941 führte Walter Schellenberg die Geschäfte, offiziell war er ab Juni 1942 Amtschef.[8] Im Februar 1944 wurde Abwehr-Chef Wilhelm Canaris abgesetzt, und das RSHA übernahm den militärischen Nachrichtendienst, die Abwehr.[12][13]
Einsatzgruppen und Holocaust
Das RSHA setzte die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD ein.[2][3] Sie ermordeten nach LeMO in Polen und ab 1941 in der Sowjetunion hunderttausende Menschen, überwiegend Juden.[1] Am 20. Januar 1942 lud Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und des SD zur Wannsee-Konferenz über die „Endlösung der Judenfrage“ ein; das Protokoll führte Adolf Eichmann, Leiter des Judenreferats IV B 4 im RSHA.[10]
Leitung
Reinhard Heydrich wurde am 27. Mai 1942 in Prag bei einem Attentat verwundet und starb am 4. Juni 1942.[3] Danach führte Himmler das RSHA etwa sechs Monate selbst.[2] Am 30. Januar 1943 wurde Ernst Kaltenbrunner Chef der Sicherheitspolizei und des SD.[5]
Nach 1945
Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg erklärte am 30. September und 1. Oktober 1946 das Führerkorps der NSDAP, die Gestapo, den SD und die SS zu verbrecherischen Organisationen.[6] Kaltenbrunner wurde zum Tode verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet.[5][6] Im Einsatzgruppen-Prozess, einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse, wurden 1948 alle 22 Angeklagten schuldig gesprochen, 14 zum Tode verurteilt; vier Todesurteile wurden vollstreckt.[11] Schellenberg wurde 1949 im Wilhelmstraßenprozess zu sechs Jahren Haft verurteilt.[8]
Warum das heute wichtig ist
SD und RSHA zeigen, was geschieht, wenn Nachrichtendienst und Polizei in einer Hand liegen und niemand sie kontrolliert. Diese Erfahrung ist ein Grund für das deutsche Trennungsgebot und für die Kontrolle der Nachrichtendienste heute. Verwandte Porträts: Gestapo, Abwehr, Fremde Heere Ost.
Häufige Fragen
Was war der Sicherheitsdienst (SD)?
Der Sicherheitsdienst, kurz SD, war der Nachrichtendienst der SS und der NSDAP. Ab 1939 bildete er zusammen mit der Gestapo und der Kriminalpolizei das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die Zentrale von Überwachung, Verfolgung und Völkermord im nationalsozialistischen Deutschland.
Was war der Unterschied zwischen SD und Gestapo?
Nach LeMO war der SD für die Ermittlung von Gegnern des Regimes zuständig, die Gestapo für ihre Bekämpfung; Heydrich führte beide in Personalunion. Die Sicherheitspolizei – Gestapo und Kriminalpolizei – war eine staatliche Polizei, der SD dagegen der Nachrichtendienst von SS und Partei.[1][2][4]
Zum Weiterlesen
Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes
StudieMichael Wildt · Hamburger Edition, Studienausgabe – Studie (966 Seiten) über das Führungspersonal des Reichssicherheitshauptamtes.
Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich
EinstiegCarsten Dams, Michael Stolle · C.H.Beck, 4. Auflage 2017 – Kompakte Gesamtdarstellung (253 Seiten) der Geheimen Staatspolizei.
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Quellen
- Arnulf Scriba: Der Sicherheitsdienst (SD). LeMO, Deutsches Historisches Museum, 17.9.2015, abgerufen am 14.10.2026.
- United States Holocaust Memorial Museum: Reich Security Main Office (RSHA). Holocaust Encyclopedia, abgerufen am 14.10.2026.
- United States Holocaust Memorial Museum: Reinhard Heydrich: In Depth. Holocaust Encyclopedia, abgerufen am 14.10.2026.
- Stiftung Topographie des Terrors: Geschichte vor 1945. Abgerufen am 14.10.2026.
- Heinz Boberach: Kaltenbrunner, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 72 f., abgerufen am 14.10.2026.
- Museen der Stadt Nürnberg: Verdicts. Memorium Nürnberger Prozesse, abgerufen am 14.10.2026.
- EHRI-Portal: Jost, Heinz (nach Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich). Abgerufen am 14.10.2026.
- Dieter Pohl: Schellenberg, Walter. In: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 650, abgerufen am 14.10.2026.
- Jörg Echternkamp, Peter Lieb: Die deutsche Kriegsgesellschaft. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 14.10.2026.
- Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz: Die Konferenz. Abgerufen am 14.10.2026.
- United States Holocaust Memorial Museum: Subsequent Nuremberg Proceedings, Case #9: The Einsatzgruppen Case. Abgerufen am 14.10.2026.
- Deutsches Historisches Museum: Chronik 1944. LeMO, abgerufen am 14.10.2026.
- Helmut Krausnick: Canaris, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 116–118, abgerufen am 14.10.2026.