Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Preußen hatte keinen Geheimdienst im heutigen Sinn, also keine eigene, zivile Behörde wie den BND. Nachrichtendienstlich gearbeitet haben aber zwei Stellen: die politische Polizei und, ab 1889, die Sektion IIIb im Großen Generalstab. Mit ihr begann nach der Darstellung der Online-Enzyklopädie zum Ersten Weltkrieg erstmals eine dauerhafte militärische Nachrichtenbeschaffung im preußisch-deutschen Heer.[1] Dieses Porträt stützt sich vor allem auf diese Enzyklopädie und auf die Neue Deutsche Biographie (NDB).
Das Wichtigste in Kürze
- Gegründet 1889 als Sektion IIIb des Großen Generalstabs; im Juni 1915 zur Abteilung IIIb aufgewertet.[1][2]
- Aufgaben: vor 1914 vor allem Nachrichten über Frankreich und Russland; im Krieg Spionage, Spionageabwehr, Zensur, Pressearbeit und Propaganda.[1][2]
- Leitung im Ersten Weltkrieg: Walter Nicolai.[1][2]
- Vorläufer im 19. Jahrhundert: die politische Polizei und das „Central-Nachrichten-Bureau“ unter Wilhelm Stieber.[4]
Vorgeschichte: Stieber und die politische Polizei
Im 19. Jahrhundert lag Nachrichtenarbeit in Preußen vor allem bei der Polizei. Die bekannteste Figur ist Wilhelm Stieber (1818–1882). Er war ab 1853 Polizeidirektor in Berlin und lieferte der Anklage im Kölner Kommunistenprozess teils gefälschte Dokumente. Im Krieg von 1866 wurde er der erste preußische „Feldpolizeidirektor“ im Großen Hauptquartier; von Juli 1870 bis März 1871 übte er diese Funktion erneut aus, zuständig für die Sicherheit des Königs und für die Beschaffung von Nachrichten. Von 1866 bis 1873 leitete er das „Central-Nachrichten-Bureau“ beim Preußischen Staatsministerium, das aus dem geheimen „Reptilienfonds“ bezahlt wurde. Die NDB sieht darin eine Keimzelle staatlicher Geheimdienste.[4]
Vorsicht ist bei Stiebers angeblichen Memoiren geboten: Das 1978 erschienene Buch „Spion des Kanzlers“ bezeichnet die NDB als Fälschung.[4] Viele Anekdoten über Stieber als „Meisterspion“ gehen auf solche Texte zurück.[5]
Sektion IIIb vor dem Ersten Weltkrieg
Die 1889 gegründete Sektion IIIb sollte vor allem Frankreich und Russland beobachten; Großbritannien war Sache der Marine. Gesucht waren Mobilmachungspläne, die Gliederung der Truppen und technische Angaben zu Eisenbahnen, Festungen und Waffen. Die Informationen stammten aus offenen Quellen, getarnten Erkundungsreisen, Berichten der Militärattachés und – nach der Enzyklopädie in viel geringerem Maß als oft angenommen – von Spionen. Die Sektion beschaffte die Nachrichten nur; ausgewertet wurden sie in anderen Sektionen des Generalstabs.[1] Ab 1907 gab es an den Grenzen feste Posten von Nachrichtenoffizieren.[1] Walter Nicolai baute von 1906 bis 1910 den Posten in Königsberg auf.[2] Die Arbeit litt nach der Enzyklopädie unter notorischem Geldmangel.[1]
Im Ersten Weltkrieg
Bei Kriegsbeginn 1914 kam die Sektion zur Obersten Heeresleitung (OHL); im Juni 1915 wurde sie, nach einem schon vor dem Krieg gefassten Plan, zur Abteilung IIIb.[2] Ihre Aufgaben wuchsen stark: Spionage, Spionageabwehr, Presse- und Postzensur, die Betreuung von Militärattachés verbündeter und neutraler Staaten sowie Pressearbeit und Propaganda.[1][2] Die größte Aufgabe war die Spionageabwehr in den besetzten Gebieten, etwa in Belgien, Frankreich, Luxemburg und Russland. Dort arbeitete IIIb mit der Geheimen Feldpolizei des Heeres zusammen, die aber nicht zu IIIb gehörte.[1] Ab 1916 kamen verdeckte Operationen und gezielte Täuschung des Gegners hinzu, 1917 der „Vaterländische Unterricht“, eine Propaganda gegen die Kriegsmüdigkeit.[1][2]
Die Bilanz fällt in der Enzyklopädie gemischt aus: IIIb habe aus dem Nichts ein modernes Nachrichtenwesen aufgebaut, das gegen Frankreich und Russland erfolgreich war, die weltweite Dimension des Krieges aber kaum erfasste. Die Zensur habe die Abteilung eher zufällig übernommen.[1]
Leitung
Wilhelm Heye, später Chef der Heeresleitung der Reichswehr, leitete die Dienststelle nach der NDB von 1910 bis 1913.[3] Sein Nachfolger Walter Nicolai (1873–1947) übernahm nach der NDB bereits 1912; andere Darstellungen nennen 1913.[2] Nicolai leitete IIIb während des ganzen Krieges, widmete sich ab Herbst 1916 aber vor allem der Propaganda.[1][2] Er wurde nicht in die Reichswehr übernommen und 1920 verabschiedet. 1945 nahm ihn die sowjetische Geheimpolizei fest; er starb 1947 in Moskau in Haft.[2] Wer IIIb zwischen 1889 und 1910 leitete, ist in den hier genutzten Quellen nicht belegt.
Ende und Nachwirkung
Nach Kriegsende wurde Nicolai beurlaubt.[1] Die Reichswehr baute später verdeckt wieder einen Nachrichtendienst auf, ohne ihn.[2] Die nationalsozialistische Regierung nutzte die Erfahrungen von IIIb in Fragen der inneren Sicherheit und der Propaganda nach der Enzyklopädie als abschreckendes Beispiel.[1]
Die politische Polizei bestand in Preußen bis 1933 weiter. In der Weimarer Republik war es die Abteilung IA beim Berliner Polizeipräsidium; ihr Leiter ab Februar 1933 war Rudolf Diels.[6] Am 26. April 1933 wurde die Preußische Politische Polizei aufgelöst und in das neu gegründete Geheime Staatspolizeiamt überführt – den Kern der Gestapo.[7][8]
Warum das heute wichtig ist
Die Geschichte von IIIb zeigt, wie eng Nachrichtendienst, Zensur und Propaganda im Krieg zusammenwachsen können. Heute sind diese Bereiche in Deutschland getrennt und kontrolliert, siehe Kontrolle der Nachrichtendienste und Nachrichtendienst oder Polizei?. Den militärischen Nachrichtendienst der Bundeswehr stellt das Porträt des MAD vor, den Nachrichtendienst Österreich-Ungarns im selben Zeitraum das Porträt des Evidenzbureaus. Weitere Zusammenhänge erklärt die Geschichte der Nachrichtendienste.
Häufige Fragen
Was war die Abteilung IIIb?
Die Abteilung IIIb war eine militärische Nachrichtenstelle im preußisch-deutschen Generalstab. Ihre Vorgängerin, die Sektion IIIb, bestand seit 1889; im Juni 1915 wurde sie zur Abteilung. Im Krieg kamen zur Nachrichtenbeschaffung unter anderem Spionageabwehr und Zensur hinzu.[1][2]
Worin unterschieden sich Beschaffung und Auswertung bei IIIb?
Die Sektion IIIb beschaffte vor dem Ersten Weltkrieg Informationen vor allem über Frankreich und Russland. Ausgewertet wurden diese in anderen Sektionen des Generalstabs. Zu den Quellen zählten offene Informationen, Militärattachés, Erkundungsreisen und Spione.[1]
Zum Weiterlesen
Die deutschen Geheimdienste. Vom Wiener Kongress bis zum Cyber War
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck Wissen, 2021 – Kompakter Überblick (128 Seiten) über die Geschichte der deutschen Dienste seit dem 19. Jahrhundert.
Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.
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Quellen
- Markus Pöhlmann: Abteilung III b. In: 1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War, Freie Universität Berlin, 2.3.2017, abgerufen am 14.10.2026.
- Markus Pöhlmann: Nicolai, Walter. In: NDB-online, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1.4.2023, abgerufen am 14.10.2026.
- Thilo Vogelsang: Heye, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 79, abgerufen am 14.10.2026.
- Hans-Christof Kraus: Stieber, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 319–320, abgerufen am 14.10.2026.
- André Niedostadek: Bismarcks Meisterspion. Legal Tribune Online, 8.3.2014, abgerufen am 14.10.2026.
- Hans-Christian Jasch: Diels, Rudolf. In: NDB-online, 1.1.2025, abgerufen am 14.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 85 Jahren: Nazis bauen Macht der Gestapo aus. 29.11.2018, abgerufen am 14.10.2026.
- Deutsches Historisches Museum: Die Gestapo (LeMO). Abgerufen am 14.10.2026.