Dienst-Porträt · Österreich-Ungarn (Kaisertum Österreich bis 1867) · Historische Dienste

Evidenzbureau

Evidenzbureau (Evidenzbüro) des Generalstabs

Das Evidenzbureau war der militärische Nachrichtendienst des k.u.k. Generalstabs in Österreich-Ungarn: Gründung 1850, Auslandsaufklärung und Spionageabwehr, der Fall Redl 1913, Funkaufklärung im Ersten Weltkrieg und das Ende 1918 – mit Quellen.

Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt

Das Evidenzbureau – in heutiger Schreibweise Evidenzbüro – war der militärische Nachrichtendienst der Habsburgermonarchie. Es entstand 1850 im Generalquartiermeisterstab und bestand bis zum Ende der Monarchie 1918.[1] Bekannt ist es vor allem durch den Fall Alfred Redl, den nach der Neuen Deutschen Biographie schwersten Spionagefall vor dem Ersten Weltkrieg.[3] Dieses Porträt stützt sich auf eine Darstellung des österreichischen Verteidigungsministeriums, das Österreichische Biographische Lexikon (ÖBL) und die Neue Deutsche Biographie (NDB).

Das Wichtigste in Kürze

  • Gegründet 1850 im Generalquartiermeisterstab als ständiger militärischer Nachrichtendienst.[1][8]
  • Aufgaben: Aufklärung nach außen, ab den 1870er-Jahren auch Spionageabwehr.[1]
  • Fall Redl 1913: Der frühere stellvertretende Chef verriet Pläne an Russland und nahm sich am 25. Mai 1913 das Leben.[2][3]
  • Ende 1918: Mit der Monarchie wurde auch das Evidenzbüro aufgelöst.[1]

Vorgeschichte: Geheimpolizei und Zensur

Schon unter Maria Theresia gab es geheime Polizeiagenten; unter Joseph II. wurden sie zu einer verdeckt arbeitenden Polizeieinheit zum Schutz der Regierenden ausgebaut.[1] Johann Anton Graf von Pergen war von 1793 bis 1804 Staats- und Polizeiminister.[9] Im Vormärz leitete Josef Graf Sedlnitzky von 1817 bis 1848 die Oberste Polizei- und Zensurhofstelle.[9] Nach der Allgemeinen Deutschen Biographie unterhielt er eine große Zahl geheimer Polizeiagenten aus allen Bevölkerungskreisen; Briefe wurden geöffnet.[10] Sedlnitzky trat im März 1848 zurück, die Hofstelle wurde aufgelöst und die Zensur abgeschafft.[11]

Gründung und Aufgaben

1850 wurde im Generalquartiermeisterstab das Evidenzbüro geschaffen.[1] Seine Aufgabe war die Aufklärung nach außen, also die Erforschung der Militärmacht der Nachbarstaaten.[1][4] Nach dem Österreich-Lexikon war es in den Kriegen von 1859 und 1866 nur mit geringem Erfolg tätig.[8] Ab den 1870er-Jahren befasste es sich auch mit der Spionageabwehr; 1889 wurde in Galizien der erste russische Spion verurteilt.[1] Innerhalb des Büros war die Kundschaftsgruppe für den offensiven und defensiven Kundschaftsdienst zuständig.[2]

Das Evidenzbüro begann nach einem Forschungsprojekt des Wissenschaftsfonds FWF mit kaum mehr als einem Dutzend Mitarbeitenden und wuchs ab den 1880er-Jahren.[7] Seine Akten liegen heute im Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs.[5]

Der Fall Redl

Alfred Redl (1864–1913) kam 1899 ins Evidenzbüro, leitete nach dem ÖBL ab 1901 die Kundschaftsgruppe und wurde 1907 stellvertretender Chef des Büros. Chef war er nie. 1912 wurde er Generalstabschef des VIII. Korps in Prag.[2] Spätestens seit Anfang 1907 arbeitete er nach der NDB für den russischen Nachrichtendienst; das ÖBL nennt wahrscheinlich 1906.[2][3] Er verriet wesentliche Teile der Aufmarschplanungen gegen Russland und auf dem Balkan sowie Einblicke in Organisation und Arbeitsweise des Kundschaftsdienstes.[2][3]

Nach Hinweisen des deutschen Nachrichtendienstes überführte ihn die Staatspolizei der Polizeidirektion Wien. Am 25. Mai 1913 nahm er sich in Wien das Leben – nach der NDB auf Verlangen von Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf.[2][3] Bekannt wurde der Fall durch den Journalisten Egon Erwin Kisch.[3] Der Schaden konnte nach dem ÖBL durch neu bearbeitete Pläne noch vor Kriegsbeginn 1914 ausgeglichen werden.[2] Der Chef des Evidenzbüros, August Urbański von Ostrymiecz, wurde nach dem Fall für ein Jahr seines Amtes enthoben.[4]

Leitung

August Urbański von Ostrymiecz (1866–1950) kam 1909 ins Evidenzbüro und wurde im selben Jahr dessen Chef. Unter ihm wurden der Funk-Abhördienst und der Dechiffrierdienst ausgebaut.[4] Maximilian Ronge (1874–1953) war seit 1907 im Nachrichtendienst tätig und leitete ab April 1917 das Evidenzbüro und zugleich die Nachrichtenabteilung des Generalstabs.[6] Wer das Büro vor 1909 und zwischen 1914 und 1917 leitete, ist in den hier genutzten Quellen nicht belegt.

Im Ersten Weltkrieg

Nach einer Darstellung des italienischen Verteidigungsstabs baute Ronge 1911 einen Chiffrierdienst auf; Oberst Andreas Figl war im Krieg der führende Kryptologe der österreichisch-ungarischen Armee und arbeitete seit 1911 an italienischen Schlüsseln, ab 1915 an der Italienfront.[6] Diese Darstellung stützt sich stark auf Ronges eigene Erinnerungen von 1930 und ist deshalb mit Vorsicht zu lesen. Im Innern bekämpfte die Staatspolizei im Krieg Staatsfeinde und Spione.[8]

Ende und Nachfolge

Das Ende der Monarchie führte zur Auflösung des Evidenzbüros. Im Staatsamt für Heerwesen der Republik entstand eine neue Nachrichtenstelle, anfangs ebenfalls Evidenzbüro genannt, später Abteilung 1/N; sie wurde 1920 aufgelöst. Ihre Aufgaben übernahm die Zentrale Evidenzstelle bei der Bundespolizeidirektion Wien, ehe 1924 wieder ein eigener militärischer Nachrichtendienst entstand.[1]

Warum das heute wichtig ist

Der Fall Redl zeigt, wie gefährlich ein Verräter an der Spitze der eigenen Spionageabwehr ist. Verräter in den eigenen Reihen gab es auch später, etwa Aldrich Ames in der CIA. Den gleichzeitigen Nachrichtendienst des Deutschen Reiches stellt das Porträt der Abteilung IIIb vor. Wie Spionageabwehr heute organisiert ist, erklärt der Beitrag Wie Nachrichtendienste arbeiten; den größeren Rahmen die Geschichte der Nachrichtendienste.

Häufige Fragen

Was war das Evidenzbureau?

Das Evidenzbureau – in heutiger Schreibweise Evidenzbüro – war der militärische Nachrichtendienst der Habsburgermonarchie. Es entstand 1850 im Generalquartiermeisterstab und bestand bis zum Ende der Monarchie 1918. Bekannt ist es vor allem durch den Fall Alfred Redl, den nach der Neuen Deutschen Biographie schwersten Spionagefall vor dem Ersten Weltkrieg.[1][3]

Welche Aufgabe hatte das Evidenzbureau?

Seine Aufgabe war zunächst die Aufklärung der Militärmacht der Nachbarstaaten. Ab den 1870er-Jahren befasste es sich auch mit Spionageabwehr.[1][4]

Zum Weiterlesen

Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten

StudieVerena Moritz, Hannes Leidinger · Residenz, 2012 – Studie (320 Seiten) zum Spionagefall Alfred Redl (1913) im österreichisch-ungarischen Generalstab.

Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg

EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.

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Quellen

  1. Bundesministerium für Landesverteidigung (Österreich): Die Entstehung der österreichischen Nachrichtendienste (PDF, 2010), abgerufen am 14.10.2026.
  2. Peter Broucek: Redl, Alfred. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. 9 (1984), S. 7 f., abgerufen am 14.10.2026.
  3. Manfried Rauchensteiner: Redl, Alfred. In: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 244 f., abgerufen am 14.10.2026.
  4. Peter Broucek: Urbański von Ostrymiecz, August. In: Österreichisches Biographisches Lexikon, Bd. 15 (2016), S. 134, abgerufen am 14.10.2026.
  5. Österreichisches Staatsarchiv: Archivplan Kriegsarchiv, Evidenzbüro. Abgerufen am 14.10.2026.
  6. Cosmo Colavito, Filippo Cappellano: The Secret War on the Italian Front in WWI (1915–1918). Stato Maggiore della Difesa, Rom, abgerufen am 14.10.2026.
  7. FWF scilog: The transformation of secret services. 24.7.2023, abgerufen am 14.10.2026.
  8. Austria-Forum: Geheimdienst (AEIOU Österreich-Lexikon). Abgerufen am 14.10.2026.
  9. Stadt Wien: Polizeipräsident (Wien Geschichte Wiki). Abgerufen am 14.10.2026.
  10. Franz Ilwof: Sedlnitzky von Choltic, Josef Graf. In: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 528–531, abgerufen am 14.10.2026.
  11. Werner Sabitzer: Polizeipräsidenten im Revolutionsjahr 1848. In: Öffentliche Sicherheit 9–10/2022, Bundesministerium für Inneres, abgerufen am 14.10.2026.

Verwandte Dienste

  • Organisation Gehlen – Organisation Gehlen (hervorgegangen aus der US-Operation „Rusty“), Deutschland (amerikanische Besatzungszone/Bundesrepublik)
  • HVA – Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Deutschland (DDR)
  • Stasi – Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Deutschland (DDR)
  • Fremde Heere Ost – Abteilung Fremde Heere Ost (FHO), 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres, Deutschland (NS-Staat)
  • Gestapo – Geheime Staatspolizei (Gestapo), Deutschland (NS-Staat)
  • SD / RSHA – Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Deutschland (NS-Staat)