Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Staaten wollten schon immer wissen, was ihre Gegner planen. Doch Nachrichtendienste im heutigen Sinn – feste Behörden mit eigenem Personal, eigenem Haushalt und gesetzlichem Auftrag –, sind eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Dieser Beitrag zeichnet die wichtigsten Etappen nach: von den Geheimschreibern der frühen Neuzeit bis zu Cyberangriffen und der Auswertung offener Quellen.
Das Wichtigste in Kürze
- Frühe Neuzeit: 1586 entzifferte die englische Regierung die verschlüsselten Briefe der Babington-Verschwörung. Feste Dienste mit eigenem Gesetz und Haushalt gibt es aber erst seit dem 20. Jahrhundert.[1][2]
- 1909: Großbritannien gründet das Secret Service Bureau, aus dem Inlands- und Auslandsdienst (MI5, MI6) hervorgehen.[2]
- Zweiter Weltkrieg: In Bletchley Park wird die Enigma-Verschlüsselung gebrochen; 1942 entsteht in den USA das OSS.[3][4]
- Kalter Krieg: CIA (1947), Stasi (1950) und KGB (1954); in Westdeutschland Verfassungsschutz (1950) sowie BND und MAD (1956).[4][5][6][7][10][11]
- Seit 2001: Terrorabwehr und GTAZ (2004), die Snowden-Enthüllungen (2013), heute Cyberangriffe und offene Quellen.[12][13][16][17]
Frühe Formen: Geheimschrift und Verschwörung
Spionage und Geheimschrift sind sehr alt. Ein gut belegtes frühes Beispiel stammt aus dem England des 16. Jahrhunderts. Im Jahr 1586 wurde dort die sogenannte Babington-Verschwörung gegen Königin Elisabeth I. aufgedeckt. Die verschlüsselten Briefe der Beteiligten liefen durch die Hände der Regierung. Thomas Phelippes, ein enger Mitarbeiter von Elisabeths Staatssekretär Francis Walsingham, entzifferte sie.[1] Die beschlagnahmten und entschlüsselten Papiere dienten dazu, Maria Stuart, die Königin von Schottland, zu belasten und vor Gericht zu bringen.[1] Das britische Nationalarchiv bewahrt aus dieser Zeit über 100 Chiffren auf, also Schlüssel für Geheimschriften.[1]
Solche Netzwerke hingen aber an einzelnen Personen. Eine dauerhafte Behörde, die unabhängig von ihrem Gründer weiterarbeitete, gab es lange nicht.
Um 1900: Die ersten modernen Dienste
Das änderte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts. In Großbritannien wuchs die Sorge vor deutscher Spionage. Ein Unterausschuss des Committee of Imperial Defence, eines Beratungsgremiums der Regierung, schlug 1909 die Gründung eines Secret Service Bureau vor.[2] Aufgebaut wurde es von zwei Offizieren: Mansfield Cumming, genannt „C“, war für die Beschaffung von Informationen im Ausland zuständig. Vernon Kell, genannt „K“, kümmerte sich um die Spionageabwehr in Großbritannien.[2]
Aus dieser Arbeitsteilung gingen die britischen Inlands- und Auslandsdienste hervor. Im Januar 1916 wurde das Büro Teil einer neuen Direktion für militärische Aufklärung. Die für die Spionageabwehr zuständigen Unterabteilungen erhielten dabei die Bezeichnung MI5. Offiziell gegründet wurde der Security Service am 15. Oktober 1931; der Name MI5 blieb aber im Gebrauch.[2] Wie sich der Auslandszweig entwickelte, zeigt das Porträt des MI6.
Der Zweite Weltkrieg: Enigma und Bletchley Park
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Entschlüsseln fremder Nachrichten zu einer Großaufgabe. Die deutsche Wehrmacht nutzte die Chiffriermaschine Enigma. Sie war kurz nach dem Ersten Weltkrieg von dem deutschen Ingenieur Arthur Scherbius erfunden worden und existierte in mehreren Varianten.[3]
Im britischen Bletchley Park arbeiteten Fachleute daran, diese Verschlüsselung zu brechen. Ein wichtiges Werkzeug waren die „Bombes“, elektromechanische Geräte nach einem Entwurf des Mathematikers Alan Turing.[3] In der gesamten Organisation von Bletchley Park arbeiteten fast 10.000 Menschen. Auch polnische Enigma-Experten kamen nach 1939 nach Großbritannien.[3] Bletchley Park gilt heute auch als ein Geburtsort der modernen Computertechnik.[3]
In den USA entstand im Krieg ebenfalls ein neuer Dienst: Am 13. Juni 1942 wurde das Office of Strategic Services (OSS) gegründet. Die CIA bezeichnet es als ersten zentralen Nachrichtendienst der amerikanischen Geschichte. Präsident Truman löste das OSS 1945 wieder auf.[4]
Der Kalte Krieg: Dienste in Ost und West
Nach 1945 standen sich zwei Machtblöcke gegenüber. In dieser Zeit entstanden viele der Dienste, die bis heute bekannt sind. In den USA unterzeichnete Truman den National Security Act von 1947. Am 18. September 1947 wurde die CIA gegründet, als ziviler Nachrichtendienst der Regierung.[4]
In der Sowjetunion hatte die Geheimpolizei eine lange Vorgeschichte. Schon im Dezember 1917 war die Tscheka gegründet worden, die erste in einer Reihe von Nachfolgebehörden. 1954 wurden die Staatssicherheitsorgane im neu geschaffenen KGB zusammengefasst. Er unterstand allein der Führung der Kommunistischen Partei und wurde kurz vor dem Ende der Sowjetunion 1991 aufgelöst.[5]
In der DDR beschloss die Volkskammer am 8. Februar 1950 ein Gesetz, mit dem das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die „Stasi“, entstand.[6] Das MfS war zugleich politische Geheimpolizei, Nachrichtendienst und Ermittlungsbehörde für politische Strafsachen. Gesteuert wurde es von der Führung der SED.[6] Nach dem Herbst 1989 wurde es in „Amt für Nationale Sicherheit“ umbenannt und später aufgelöst.[6]
Die Bundesrepublik baut ihre Dienste auf
Auch in Westdeutschland entstanden in dieser Zeit drei Nachrichtendienste. 1950 nahm das Bundesamt für Verfassungsschutz seine Arbeit auf.[7] Polizeiliche Befugnisse erhielt es nicht.[7]
Der Auslandsdienst hat eine umstrittene Vorgeschichte. 1946 entstand auf Betreiben des US-Kriegsministeriums die „Organisation Gehlen“. Sie sollte die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Pakts ausspähen und war zunächst der US-Armee, später als selbstständiger Teil der CIA unterstellt.[8] Geleitet wurde sie von Reinhard Gehlen, der im Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht-Abteilung „Fremde Heere Ost“ geführt hatte.[9] Am 1. April 1956 wurde der Bundesnachrichtendienst gegründet, mit Gehlen als erstem Präsidenten.[10] Eine vom BND berufene Unabhängige Historikerkommission stellte später fest, dass in der Organisation Gehlen und im frühen BND zahlreiche schwer belastete Täter aus der NS-Zeit gearbeitet hatten.[8]
Ebenfalls 1956 kam der dritte Dienst hinzu: Am 30. Januar 1956 wurde der Militärische Abschirmdienst in Dienst gestellt, zuständig für die Bundeswehr.[11]
Nach 1990 und nach dem 11. September 2001
Mit dem Ende des Kalten Krieges verloren die Dienste ihren wichtigsten Gegner. Neue Aufgaben traten in den Vordergrund, vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und dem Anschlag auf den Nahverkehr in Madrid. In Deutschland begann am 14. Dezember 2004 das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin-Treptow seine Arbeit.[12] Dort tauschen sich 40 Behörden von Bund und Ländern aus, darunter Polizeien und Nachrichtendienste.[12] Wie dabei die Trennung zwischen Polizei und Diensten gewahrt bleibt, erklärt der Beitrag Nachrichtendienst oder Polizei?
Auch der BND veränderte sich. Seine Zentrale lag jahrzehntelang in Pullach bei München. Im Februar 2019 wurde der Neubau in Berlin eröffnet.[10]
2013: Die Enthüllungen von Edward Snowden
Im Juni 2013 erschienen erste Presseberichte auf Grundlage von Dokumenten des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Sie zeigten das Ausmaß der weltweiten Überwachung durch den US-Dienst NSA und seine Partner.[13] Auch Deutschland war betroffen. Der Bundestag setzte am 20. März 2014 einstimmig einen Untersuchungsausschuss ein. Er sollte unter anderem klären, wie die NSA und der britische Nachrichtendienst in Deutschland Kommunikation erfasst hatten, bis hin zur damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel.[14] Im Juni 2017 legte der Ausschuss seinen Abschlussbericht vor.[15] In der Bundestagsdebatte dazu wurde die Neufassung des BND-Gesetzes als ein Erfolg der Ausschussarbeit genannt.[15] Wie die Dienste heute kontrolliert werden, lesen Sie unter Kontrolle.
Die Gegenwart: Cyberraum und offene Quellen
Heute verlagert sich ein Teil der Spionage ins Internet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Cyberangriffe als wirksames Mittel ausländischer Nachrichtendienste, um Informationen zu beschaffen, politisch Einfluss zu nehmen oder Sabotage zu verüben. Als Urheber nennt es vor allem Russland, China, Iran und Nordkorea.[16]
Zugleich wächst die Bedeutung offen zugänglicher Informationen. Fachleute sprechen von OSINT, kurz für „Open Source Intelligence“. Der BND schreibt, am Anfang der nachrichtendienstlichen Arbeit stehe meist die Auswertung offen verfügbarer Informationen. Dazu nutzt er spezielle Recherchewerkzeuge und verbindet die Ergebnisse mit menschlichen Quellen, Fernmelde- und Bildaufklärung.[17] Wie diese Quellenarten zusammenwirken, erklärt der Beitrag Wie Nachrichtendienste arbeiten. Grundbegriffe finden Sie im Glossar.
Weitere historische Vertiefungen: der amerikanische Kriegsdienst OSS, die rumänische Securitate und der iranische SAVAK.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es moderne Nachrichtendienste?
Spionage ist sehr viel älter als die heutigen Behörden. Für die Entwicklung moderner Dienste ist etwa die Gründung des britischen Secret Service Bureau 1909 wichtig, aus dessen Arbeitsteilung Inlands- und Auslandsaufklärung hervorgingen.[2]
Was war der Vorläufer der CIA?
Im Zweiten Weltkrieg entstand am 13. Juni 1942 das Office of Strategic Services. Truman löste es 1945 auf; die CIA entstand 1947 nach weiteren institutionellen Zwischenschritten. Das OSS-Porträt erklärt die Aufteilung der Aufgaben.[4]
Zum Weiterlesen
Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.
Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik
BiografieRolf-Dieter Müller · Ch. Links, 2017 – Zweibändige Biografie des ersten BND-Präsidenten, erschienen in der Reihe der Unabhängigen Historikerkommission.
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Quellen
- The National Archives (UK): Secretaries of State: State Papers Scotland Series I, Mary Queen of Scots (SP 53), Katalogbeschreibung. Abgerufen am 13.10.2026.
- The National Archives (UK): Records of the Security Service, Katalogbeschreibung. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bletchley Park Trust: Our Story. Abgerufen am 13.10.2026.
- Central Intelligence Agency: History of CIA. Abgerufen am 13.10.2026.
- wissen.de (Lexikon): Staatssicherheitsbehörden der UdSSR. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundesarchiv, MfS-Lexikon: Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundesregierung: Im Auftrag der Demokratie – 75 Jahre Bundesamt für Verfassungsschutz. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: April 1956: Gründung des Bundesnachrichtendienstes. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 60 Jahren: Gründung des BND. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundesnachrichtendienst: Geschichte. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundeswehr: MAD – Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst. Abgerufen am 13.10.2026.
- Deutscher Bundestag: Drucksache 16/10007 (Antwort der Bundesregierung zum GTAZ). 18.07.2008, abgerufen am 13.10.2026.
- The Centre for Computing History: Edward Snowden reveals NSA digital surveillance. Abgerufen am 13.10.2026.
- Deutscher Bundestag (Webarchiv): Untersuchungsausschuss zur NSA-Affäre eingesetzt. März 2014, abgerufen am 13.10.2026.
- Deutscher Bundestag: Debatte über den Abschlussbericht des NSA-Untersuchungsausschusses. 28.06.2017, abgerufen am 13.10.2026.
- Bundesamt für Verfassungsschutz: Cyberabwehr. Abgerufen am 13.10.2026.
- Bundesnachrichtendienst: Informationsgewinnung. Abgerufen am 13.10.2026.