Dienst-Porträt · Sowjetunion · Historische Dienste

NKWD

Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der UdSSR (Narodny komissariat wnutrennich del, NKWD; englisch NKVD)

Das NKWD war das sowjetische Innenkommissariat und 1934–1946 Träger der Staatssicherheit: Großer Terror, Deutsche Operation, Speziallager in der SBZ.

Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt

Das NKWD (russisch Narodny komissariat wnutrennich del, im Englischen meist NKVD geschrieben) war das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der Sowjetunion. Von 1934 an gehörte die politische Geheimpolizei als Hauptverwaltung für Staatssicherheit zu diesem Kommissariat, das zugleich Polizei, Grenzschutz und Lager verwaltete.[1] In diese Zeit fallen der Große Terror von 1937/38, die Massenmorde von Katyn und nach Kriegsende die Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone.[4][6][7] Zeitlich steht das NKWD zwischen der Tscheka und dem KGB.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gründung: Beschluss vom 10. Juli 1934; die Geheimpolizei OGPU ging als Hauptverwaltung für Staatssicherheit im NKWD auf.[1]
  • Großer Terror: Das NKWD führte die Massenrepressionen 1937/38 durch, gebilligt vom Politbüro unter Stalin.[4]
  • Deutschlandbezug: die „Deutsche Operation“ ab Juli 1937 und die Speziallager in der SBZ 1945–1950.[5][7]
  • Ende: 1946 wurden die Volkskommissariate zu Ministerien; aus dem NKWD wurde das MWD.[2]

Was war das NKWD?

Den Begriff NKWD gab es schon vor 1934: Direkt nach der Revolution bestand ein Volkskommissariat des Innern neben der Tscheka.[3] Die hier beschriebene Behörde entstand durch einen Beschluss des Zentralen Exekutivkomitees vom 10. Juli 1934. Er erhob das NKWD zu einem Kommissariat für die ganze Union und gliederte die bis dahin eigenständige Geheimpolizei OGPU als Hauptverwaltung für Staatssicherheit (GUGB) ein.[1][2]

Der Beschluss zählt die übrigen Bereiche auf: Miliz, Grenzschutz, Feuerwehr, die Besserungs- und Arbeitslager, die Arbeitssiedlungen und sogar das Personenstandswesen. Ein Sondergremium beim NKWD durfte ohne Gericht Verbannung, Ausweisung oder bis zu fünf Jahre Lager anordnen.[1] Das spätere Gulag-System war damit Teil desselben Apparats: Die Bezeichnung Gulag stand ursprünglich für die Hauptverwaltung der Lager innerhalb der Geheimpolizei.[3]

Welches NKWD ist gemeint? Eine Lesehilfe für Quellen

Wer in Akten, Erinnerungen oder Literatur auf „das NKWD“ stößt, sollte das Datum prüfen. Die Staatssicherheit wurde in diesen Jahren mehrfach abgetrennt und wieder eingegliedert. Nach einer Darstellung der bpb von 1959 ergeben sich vier Phasen:[2]

ZeitraumStaatssicherheitEinordnung
Juli 1934 – Februar 1941im NKWD (GUGB)ein Kommissariat für Polizei, Lager und Geheimpolizei
Februar – Juli 1941eigenes Kommissariat NKGBNKWD ohne Staatssicherheit
Juli 1941 – April 1943wieder im NKWDerneute Zusammenlegung im Krieg
April 1943 – 1946erneut NKGBab 1946 Ministerien MWD und MGB

Diese Tabelle ist eine Einordnung für das Lesen von Quellen: Im Alltag hieß der gesamte Apparat oft weiter „NKWD“, auch wenn die Staatssicherheit formal gerade woanders angesiedelt war. Die militärische Spionageabwehr wurde im April 1943 als SMERSCH dem Volkskommissariat für Verteidigung zugeordnet und gehörte damit nicht zum NKWD.[2] Mehr dazu steht im Porträt von SMERSCH.

Die Abgrenzung hat praktische Folgen. Eine Verhaftung durch eine NKWD-Dienststelle 1938, ein Verhör durch SMERSCH 1944 und eine Internierung in einem Speziallager 1945 gehören zu verschiedenen Behörden mit eigenen Akten. Wer nach dem Verbleib von Angehörigen forscht, muss deshalb oft mehrere Stellen fragen.

Welche Rolle spielte das NKWD im Großen Terror?

Das NKWD organisierte die Massenrepressionen der Jahre 1937 und 1938. Der Befehl Nr. 00447 vom 30. Juli 1937, vom Politbüro einen Tag später bestätigt, legte Quoten für Verhaftungen und Verurteilungen fest.[4] Auf Gebietsebene schlugen nach der Darstellung von Alfred Eisfeld „Trojkas“ aus NKWD-Chef, Parteisekretär und Staatsanwalt die Strafen vor.[5] Nach den bei dekoder genannten Zahlen, die sich auf Bernd Bonwetsch und die geöffneten Archive stützen, wurden zwischen 1936 und 1938 rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet und knapp die Hälfte davon ermordet.[4]

Der Terror traf auch den Apparat selbst. Der erste Volkskommissar Genrich Jagoda wurde 1938 erschossen; sein Nachfolger Nikolai Jeschow wurde Ende 1938 von Lawrenti Berija abgelöst.[2][4] Von 46 Volkskommissaren beziehungsweise Ministern des Innern und ihren Stellvertretern der Jahre 1934 bis 1960 wurden nach Angaben der bpb 14 erschossen.[3]

Für die Frage nach einzelnen „NKWD-Offizieren“ ist eine Datenbank von Memorial wichtig: Sie verzeichnet 39.950 Mitarbeiter der Staatssicherheit der Jahre 1935 bis 1939, zusammengestellt aus Personalbefehlen. Ziel war, Beamte zu identifizieren, die aus Ermittlungsakten oft nur mit Nachnamen bekannt sind.[9]

Was war die „Deutsche Operation“?

Mit dem Befehl Nr. 00439 vom 25. Juli 1937 begann die erste der sogenannten nationalen Operationen. Zunächst sollten deutsche Staatsangehörige erfasst und verhaftet werden, die in Rüstungsbetrieben oder bei der Bahn arbeiteten oder gearbeitet hatten.[5] Danach weitete sich der Kreis aus: Besucher deutscher Konsulate, frühere Beschäftigte deutscher Firmen, Empfänger von Hungerhilfe oder Menschen mit Briefkontakt ins Ausland.[5]

Eisfeld beschreibt bei der bpb gefälschte Verhörprotokolle, Gewalt und erfundene Zeugenaussagen. Nach den Historikern Ochotin und Roginskij wurden 1937/38 etwa 69.000 bis 73.000 Deutsche verurteilt, nach dem „Deutschen Befehl“ 76,17 Prozent zum Tod durch Erschießen.[5] Verfolgt wurden nach dieser „Linie“ auch Russen, Ukrainer, Polen und Juden. Ab 1954 wurden die Verfahren überprüft; die Gerichte stellten grobe Rechtsverletzungen fest und rehabilitierten die Opfer posthum.[5]

Krieg, Katyn und die Speziallager in der SBZ

Im Frühjahr 1940 ermordeten Einheiten des NKWD knapp 22.000 polnische Kriegsgefangene und Angehörige der Eliten, unter anderem im Wald von Katyn. Den Vorschlag hatte Berija gemacht, das Politbüro stimmte am 5. März 1940 zu. Erst nach der Veröffentlichung von Archivdokumenten 1990 erkannte Michail Gorbatschow die sowjetische Verantwortung an.[6]

In der Endphase des Krieges errichteten die sowjetischen Geheimdienste hinter der Front „Speziallager“. In der Sowjetischen Besatzungszone entstand daraus nach Angaben der bpb ein System von zehn Speziallagern und drei Gefängnissen, darunter Mühlberg, Buchenwald, Sachsenhausen und Bautzen. Das NKWD brachte Verdächtige ohne Gerichtsverfahren dorthin, meist wegen der Zugehörigkeit zu NS-Organisationen oder des Verdachts auf „Werwolf“-Tätigkeit. Bis 1948 bildeten diese Internierten die Mehrheit; bei der Auflösung Anfang 1950 waren es Verurteilte sowjetischer Militärtribunale.[7] Die Autoren halten es deshalb für irreführend, von sowjetischer Entnazifizierung zu sprechen.[7]

Ein Beispiel: Im Speziallager Sachsenhausen waren nach Angaben der Gedenkstätte rund 60.000 Menschen inhaftiert, etwa 12.000 starben an Hunger und Krankheiten. Bei der Auflösung 1950 übergab die sowjetische Seite 4.836 Häftlinge an die DDR-Behörden.[8]

Häufige Fragen

Ist NKWD dasselbe wie NKVD?

Ja. NKVD ist die englische Umschrift der russischen Abkürzung, NKWD die deutsche. Gemeint ist das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten.[1]

War das NKWD ein Geheimdienst?

Nur zum Teil. Es war ein Innenkommissariat, zu dem zeitweise die Staatssicherheit gehörte, daneben Polizei, Grenzschutz und Lager.[1][2]

Wer betrieb die Speziallager in der SBZ?

Die bpb nennt den Geheimdienst NKWD, der Verdächtige ohne Gerichtsverfahren in die Lager brachte. Die Lager bestanden bis Anfang 1950.[7][8]

Weitere Zusammenhänge erklären die Geschichte der Nachrichtendienste, der Überblick Russische Nachrichtendienste sowie die Porträts von Tscheka, KGB, SMERSCH und Stasi.

Zum Weiterlesen

Terror und Traum. Moskau 1937

SachbuchKarl Schlögel · Hanser, 6. Auflage – Darstellung (816 Seiten) des Jahres 1937 in Moskau – des Großen Terrors, den das NKWD organisierte, und des Alltags daneben.

Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg

EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.

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Quellen

  1. Michigan State University, Seventeen Moments in Soviet History: Creation of the NKVD. Englische Übersetzung des Beschlusses des Zentralen Exekutivkomitees vom 10. Juli 1934 (Iswestija, 11.7.1934); Volltext gelesen. Abgerufen am 25.10.2026.
  2. Bundeszentrale für politische Bildung: Die sowjetischen Sicherheitsorgane. Ihre Wandlungen von Dsiershinskij bis Schelepin. Aus Politik und Zeitgeschichte 49/1959; ältere Darstellung, ausgewertet für Organisationsgeschichte und Daten. Abgerufen am 25.10.2026.
  3. Bundeszentrale für politische Bildung: „Volksfeinde“ im Visier. Anna Schor-Tschudnowskaja, 30.12.2016; Überblick zu den sowjetischen Geheimpolizeien. Abgerufen am 25.10.2026.
  4. dekoder: Großer Terror. Nina Frieß; Hintergrundtext, Zahlen nach Bernd Bonwetsch (2014). Abgerufen am 25.10.2026.
  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Die „Deutsche Operation“. Alfred Eisfeld, 18.7.2017; Fachbeitrag mit Zahlen nach Ochotin und Roginskij. Abgerufen am 25.10.2026.
  6. Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 85 Jahren: Verbrechen von Katyń. Hintergrund aktuell, zuletzt aktualisiert 28.3.2025. Abgerufen am 25.10.2026.
  7. Bundeszentrale für politische Bildung: Die Ahndung von NS- und Kriegsverbrechen in der SBZ/DDR. Jörg Echternkamp und Peter Lieb, 25.11.2025; ausgewertet der Abschnitt zu Speziallagern. Abgerufen am 25.10.2026.
  8. Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Gedenkstätte Sachsenhausen: Sowjetisches Speziallager 1945–1950. Darstellung der Gedenkstätte zu Häftlingen, Toten und Auflösung. Abgerufen am 25.10.2026.
  9. Meduza: Memorial veröffentlicht Datenbank zu 40.000 Mitarbeitern der Staatssicherheit der Zeit des Großen Terrors (russisch). Pressemeldung vom 23.11.2016. Abgerufen am 25.10.2026.

Überblick: Russischer Geheimdienst: FSB, SWR und GRU im Überblick

Verwandte Dienste

  • Organisation Gehlen – Organisation Gehlen (hervorgegangen aus der US-Operation „Rusty“), Deutschland (amerikanische Besatzungszone/Bundesrepublik)
  • HVA – Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Deutschland (DDR)
  • Stasi – Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Deutschland (DDR)
  • Fremde Heere Ost – Abteilung Fremde Heere Ost (FHO), 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres, Deutschland (NS-Staat)
  • Gestapo – Geheime Staatspolizei (Gestapo), Deutschland (NS-Staat)
  • SD / RSHA – Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Deutschland (NS-Staat)