Dienst-Porträt · Jugoslawien · Historische Dienste

UDBA

Uprava državne bezbednosti (UDB, UDBA; Verwaltung der Staatssicherheit), ab 1966 Služba državne bezbednosti (SDB)

Die UDBA war der Staatssicherheitsdienst im Jugoslawien Titos: Herkunft aus der OZNA, Verfolgung von Gegnern und Morde an Emigranten in der Bundesrepublik.

Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt

Die UDBA (Uprava državne bezbednosti, „Verwaltung der Staatssicherheit“) war der zivile Staatssicherheitsdienst des sozialistischen Jugoslawiens. Sie entstand 1946 aus der OZNA, dem Sicherheitsapparat der Partisanenbewegung, und hieß nach einer Reform 1966 Staatssicherheitsdienst (SDB).[1][2] Der Dienst überwachte und verfolgte politische Gegner im eigenen Land und ging gegen Emigranten im Ausland vor. In der Bundesrepublik Deutschland haben Gerichte festgestellt, dass der jugoslawische Staatssicherheitsdienst 1983 den Mord an dem Exil-Kroaten Stjepan Đureković in Wolfratshausen veranlasste.[1][3]

Das Wichtigste in Kürze

  • Herkunft: OZNA ab Mai 1944, ab 1946 Verwaltung der Staatssicherheit (UDB/UDBA), ab 1966 SDB.[1][2]
  • Aufbau: nach 1966 dezentralisiert; Dienste der Teilrepubliken, in Kroatien SDS genannt.[1]
  • Deutschlandbezug: Mord an Stjepan Đureković am 28. Juli 1983; lebenslange Freiheitsstrafen durch das OLG München 2008 und 2016.[1][3]
  • Akten: heute verteilt auf die Nachfolgestaaten, mit unterschiedlichem Zugang.[8][9][10]

Wie entstand die UDBA?

Die Wurzeln liegen im Zweiten Weltkrieg. Im Mai 1944 schuf die Partisanenführung unter Josip Broz Tito die OZNA (Odeljenje za zaštitu naroda, „Abteilung für den Schutz des Volkes“). Sie sollte sogenannte Volksfeinde verfolgen und die neue Macht absichern.[1][2] Mit den Verfassungsänderungen im Frühjahr 1946 wurde die OZNA aufgeteilt: Der zivile Teil wurde zur Verwaltung der Staatssicherheit, abgekürzt UDB oder umgangssprachlich UDBA, der militärische Teil zur Spionageabwehr der Armee (KOS).[2] Das Oberlandesgericht München datiert die OZNA in seinem Urteil von 2016 auf Mai 1944 bis März 1946.[1]

Nach Einschätzung des Belgrader Historikers Bojan Dimitrijević erreichte die Tätigkeit beider Dienste zwischen 1949 und 1953 einen Höhepunkt. Nach dem Bruch Jugoslawiens mit Moskau 1948 richtete sich die Verfolgung vor allem gegen tatsächliche und vermeintliche Anhänger Stalins. Die UDBA betrieb dafür ab 1949 das berüchtigte Lager auf der Insel Goli otok. Nach Stalins Tod 1953 verkleinerten sich die Dienste und gingen weniger brutal vor.[2]

Was änderte sich nach dem Sturz Rankovićs 1966?

Aleksandar Ranković (1909–1983) unterstanden die Sicherheitsorgane; zuletzt war er Vizepräsident Jugoslawiens. Im Juli 1966 setzte ihn das Zentralkomitee auf einer Sitzung auf Brioni ab. Vorgeworfen wurden ihm schwere „Deformationen“ der Sicherheitsorgane und das Abhören führender Funktionäre, darunter Titos. Es folgte eine umfassende Säuberung des Apparats.[4][2]

Der Dienst hieß fortan Staatssicherheitsdienst (Služba državne bezbednosti, SDB) und wurde dezentralisiert. Nach den Feststellungen des OLG München stärkte die Verfassung von 1974 die Teilrepubliken weiter; die Bundesorgane wurden zu Koordinations- und Dokumentationsstellen. Die Dienste der Republiken – in Kroatien SDS genannt – arbeiteten weitgehend selbstständig, blieben aber an Weisungen des Bundessekretariats für Innere Angelegenheiten (SSUP) gebunden.[1] Im Sprachgebrauch blieb „UDBA“ allerdings für den gesamten Staatssicherheitsapparat geläufig.

Wen verfolgte der Dienst?

Im Inland überwachte der Dienst Menschen, deren Tätigkeit er als Bedrohung für das politische System einstufte. Das Kroatische Staatsarchiv verwahrt allein aus Kroatien rund 68.800 nachrichtendienstliche Akten aus den Jahren 1946 bis 1990. Ein großer Teil betrifft nach der Archivbeschreibung Angehörige von Religionsgemeinschaften, politische Emigranten, Beteiligte am „Kroatischen Frühling“ und andere Dissidenten.[8]

Nach außen richtete sich die Arbeit gegen die „feindliche Emigration“. Dafür war eine eigene Abteilung zuständig, auf Bundesebene die Zweite Verwaltung des SDB, in Kroatien die Abteilung II des SDS.[1] Nach einem Pressebericht lebten in der Bundesrepublik etwa 10.000 politische Emigranten aus Kroatien.[7]

Einordnung: Morde in der Bundesrepublik und warum ihre Aufklärung Jahrzehnte dauerte

Über das Ausmaß der Gewalt in Deutschland gibt es keine abschließende amtliche Zahl. Die Bundesregierung nannte 1982 auf eine Anfrage im Bundestag 14 tödliche Anschläge seit 1970 auf Exil-Kroaten, Exil-Serben und andere Exil-Jugoslawen mit 18 Toten, 14 davon im Bundesgebiet. Täter waren nur bei drei Vorfällen ermittelt; in keinem Fall ließen sich eindeutig rein private Motive feststellen.[5] Presseberichte sprechen für die Zeit seit den 1960er-Jahren von etwa drei Dutzend Getöteten; das ist keine amtliche Angabe.[6][7]

Das OLG München kam 2016 zu dem Ergebnis, dass Liquidierungen von Emigranten Teil staatlicher jugoslawischer Praxis waren. Über Tötungen im Ausland entschied nach seinen Feststellungen die Bundesebene; ausgeführt wurden sie über die Dienste der Republiken.[1]

Der bekannteste Fall ist der Mord an Stjepan Đureković. Er war 1982 in die Bundesrepublik gegangen und trat für ein unabhängiges Kroatien ein. Am 28. Juli 1983 überfielen ihn unbekannte Täter in einer Garage in Wolfratshausen, die als Druckerei diente, und töteten ihn mit Schüssen und Schlägen auf den Kopf.[3][1]

  • 2008: Das OLG München verurteilte Krunoslav Prates, einen Informanten des kroatischen Dienstes, wegen seiner Beteiligung an dem Mord zu lebenslanger Freiheitsstrafe (Urteil vom 16. Juli 2008, rechtskräftig seit 11. Februar 2009).[1][11]
  • 2016: Am 3. August 2016 verurteilte das OLG München Zdravko Mustač, damals politischer Leiter des SDS, und Josip Perković, damals Leiter der für die Emigration zuständigen Abteilung II, jeweils wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe.[1]
  • 2018: Der Bundesgerichtshof verwarf ihre Revisionen mit Beschluss vom 2. Mai 2018 (3 StR 355/17); das Urteil ist rechtskräftig.[3]

Warum dauerte das so lange? Die Auftraggeber saßen in einem anderen Staat, die eigentlichen Schützen wurden nie ermittelt. Erst der Europäische Haftbefehl nach dem EU-Beitritt Kroatiens 2013 ermöglichte die Auslieferung der beiden früheren Funktionäre im Jahr 2014.[6] Die Fälle zeigen damit auch eine Grenze der Strafverfolgung: Ohne Zugang zu Akten und Personen im Ausland bleiben staatlich gesteuerte Taten oft unaufgeklärt.

Was wurde aus den Akten?

Mit dem Zerfall Jugoslawiens 1990/91 übernahmen die Nachfolgestaaten die Unterlagen auf ihrem Gebiet, ein gemeinsames Archiv wie das Stasi-Unterlagen-Archiv gibt es nicht. In Kroatien liegen Akten des SDS im Staatsarchiv in Zagreb; für Unterlagen mit personenbezogenen Daten gelten lange Sperrfristen.[8] In Slowenien stritt das Parlament 2011 darüber, wie zugänglich frühere Akten des Staatssicherheitsdienstes sein sollten, nachdem der Nachrichtendienst SOVA Einsicht verweigert hatte.[10] In Serbien begann der Geheimdienst BIA 2005, ausgewählte Bestände aus den Jahren 1956 bis 1975 an das Staatsarchiv abzugeben.[9] Ein vollständiger Überblick über den heutigen Zugang in allen Nachfolgestaaten lässt sich aus diesen Quellen nicht ableiten.

Häufige Fragen

Was bedeutet UDBA?

Die Abkürzung steht für Uprava državne bezbednosti, „Verwaltung der Staatssicherheit“. So hieß der zivile Staatssicherheitsdienst Jugoslawiens von 1946 bis 1966; danach lautete die offizielle Bezeichnung SDB.[1][2]

Wurden UDBA-Morde in Deutschland bestraft?

In wenigen Fällen. Für den Mord an Stjepan Đureković wurden ein Informant 2008 sowie zwei frühere Führungsleute des kroatischen Staatssicherheitsdienstes 2016 rechtskräftig zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.[1][3] Viele andere Taten blieben ohne Urteil.[5]

War die UDBA mit der Stasi vergleichbar?

Beide waren politische Geheimpolizeien sozialistischer Staaten. Jugoslawien gehörte nach 1948 aber nicht zum Ostblock, und sein Dienst war nach 1966 auf die Teilrepubliken verteilt.[2][1]

Zum Vergleich lohnen sich die Porträts der Stasi und der Securitate; wie die Spionageabwehr in der Bundesrepublik organisiert ist, zeigt das Porträt des BfV. Den größeren Zusammenhang erklärt die Geschichte der Nachrichtendienste.

Zum Weiterlesen

Geschichte Jugoslawiens

EinstiegMarie-Janine Calic · C.H.Beck Paperback, 3. Auflage 2026 – Gesamtdarstellung (416 Seiten) des jugoslawischen Staates von der Gründung bis zum Zerfall.

Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg

EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.

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Quellen

  1. Oberlandesgericht München: Urteil vom 3. August 2016, 7 St 5/14 (2). Urteil gegen Z. M. und J. P. (BeckRS 2016, 131747), Volltext als Wiedergabe bei lexika.de; ausgewertet wurden Tenor, Feststellungen zu Aufbau und Geschichte des Dienstes, zum Tatgeschehen und zum Verfahren gegen K. P. Abgerufen am 25.10.2026.
  2. Bojan Dimitrijević / Istorija 20. veka: Intelligence and Security Services in Tito’s Yugoslavia 1944–1966. Fachaufsatz, Institut für Zeitgeschichte Belgrad, 2019; ausgewertet wurde die Zusammenfassung. Abgerufen am 25.10.2026.
  3. Bundesgerichtshof: Urteil wegen Ermordung eines Exilkroaten im Jahr 1983 rechtskräftig. Pressemitteilung Nr. 097/2018 vom 30.5.2018 zum Beschluss vom 2.5.2018, 3 StR 355/17. Abgerufen am 25.10.2026.
  4. Encyclopædia Universalis: Aleksandar Ranković (1909–1983). Lexikonartikel zu Lebensdaten, Absetzung 1966 und Vorwürfen. Abgerufen am 25.10.2026.
  5. Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung „Tötung von Exiljugoslawen in der Bundesrepublik Deutschland“, Drucksache 9/1378. 23.2.1982; Zahlen seit 1970 ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Abgerufen am 25.10.2026.
  6. Abendzeitung München (dpa): 31 Jahre nach Mord: Ex-Agent in München vor Gericht. 2014; Prozessauftakt, Auslieferung und Hintergrund. Abgerufen am 25.10.2026.
  7. Stuttgarter Zeitung: Morde an Exil-Kroaten: Titos Todesliste. Reportage, 26.9.2014; Angabe „etwa drei Dutzend“ nach Ermittlungsakten und Urteilen. Abgerufen am 25.10.2026.
  8. Ludwig-Maximilians-Universität München, East and Southeast European Archives: HR-HDA-1561: Intelligence Files of the State Security Service of Croatia. Archivführer, 2018; Umfang, Inhalt und Benutzungsregeln des Kroatischen Staatsarchivs. Abgerufen am 25.10.2026.
  9. Regierung der Republik Serbien: BIA continues documents handover to Serbian Archives. Meldung vom 15.10.2005; keine Auskunft über den heutigen Stand. Abgerufen am 25.10.2026.
  10. RTV Slovenija: Državni zbor sprejel novelo zakona o arhivih. Bericht vom 4.2.2011 über die Gesetzesänderung zum Zugang zu Geheimdienstakten. Abgerufen am 25.10.2026.
  11. Index.hr: Suđenje Perkoviću i Mustaču: Krunoslav Prates svjedoči idući tjedan. Bericht vom 15.11.2014; nennt den vollen Namen des 2008 Verurteilten. Abgerufen am 25.10.2026.

Verwandte Dienste

  • Organisation Gehlen – Organisation Gehlen (hervorgegangen aus der US-Operation „Rusty“), Deutschland (amerikanische Besatzungszone/Bundesrepublik)
  • HVA – Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Deutschland (DDR)
  • Stasi – Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Deutschland (DDR)
  • Fremde Heere Ost – Abteilung Fremde Heere Ost (FHO), 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres, Deutschland (NS-Staat)
  • Gestapo – Geheime Staatspolizei (Gestapo), Deutschland (NS-Staat)
  • SD / RSHA – Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Deutschland (NS-Staat)