Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Die Kempeitai war die Militärpolizei des Kaiserlich Japanischen Heeres. Sie entstand 1881 und bestand bis zur Niederlage Japans 1945.[1][2] Anders als eine gewöhnliche Militärpolizei übernahm sie nach und nach Aufgaben einer politischen Polizei und der Spionageabwehr, im Inland ebenso wie in den Kolonien und den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten.[1] Nach dem Krieg stellte der Internationale Militärgerichtshof für den Fernen Osten fest, dass die Kempeitai bei Folterungen besonders aktiv war.[5] Dieses Porträt erklärt, wie aus einer Truppe für die Disziplin der Soldaten ein gefürchteter Überwachungsapparat wurde.
Das Wichtigste in Kürze
- Gründung: 1881 nach französischem Vorbild; die Kempei-Verordnung vom März 1881 regelte die Aufgaben.[1][2]
- Doppelrolle: Militärpolizei und zugleich Polizei mit Befugnissen gegenüber Zivilisten, später auch Gesinnungsüberwachung und Spionageabwehr.[1]
- Besetzte Gebiete: In Singapur leitete die Kempeitai 1942 die Überprüfungen der „Sook Ching“-Aktion, auf die Massenerschießungen folgten.[6][7][8]
- Ende: 1945 mit dem Heer aufgelöst; Angehörige standen vor alliierten Militärgerichten.[1][9][10]
Wie entstand die Kempeitai?
Die Truppengattung Kempei wurde Anfang 1881 in Tokio aufgestellt. Die Kempei-Verordnung vom 11. März 1881 bildete ihre rechtliche Grundlage.[1][2] Die Japan Center for Asian Historical Records (JACAR), eine Einrichtung des japanischen Nationalarchivs, beschreibt als Aufgabe die Verfolgung von Straftaten durch Soldaten und Heeresangehörige sowie von Straftaten Ziviler mit militärischem Bezug. 1889 entstand ein Hauptquartier in Tokio, das die Einheiten im ganzen Land führte.[2]
Schon die Verordnung von 1881 ging über reine Militärpolizei hinaus. Nach ihrem ersten Artikel unterstand die Kempeitai dem Heeresminister, sollte vor allem Militärpolizei sein und zugleich Verwaltungs- und Kriminalpolizei ausüben. Formell war sie außerdem dem Marine-, dem Innen- und dem Justizministerium zugeordnet. Vorbild war die französische Gendarmerie.[1] Ein japanisches Geschichtslexikon beschreibt die Angehörigen deshalb als Soldaten und Polizisten zugleich.[1]
Militärpolizei und Geheimpolizei – wie passte das zusammen?
Japanische Fachlexika zeichnen eine schrittweise Ausweitung nach. Ab den 1890er-Jahren war die Kempeitai bis in die Gemeinden hinein vertreten und wurde gegen Streiks, Unruhen und Protestbewegungen eingesetzt. 1928 richtete sie eine eigene Abteilung für Gesinnungsfragen ein.[1] Mit dem Krieg gegen China ab 1937 rückten Militärgeheimnisse und Spionageabwehr in den Vordergrund. Ein Lexikonbeitrag spricht für die Zeit der Regierung Tōjō von einer „Kempei-Politik“, weil die Truppe nahezu das gesamte Leben der Bevölkerung überwachte.[1]
Das Lexikon Nipponica nennt für das Kriegsende rund 26.000 Angehörige.[1] Eine amtliche Personalstatistik wurde für dieses Porträt nicht ausgewertet.
Abgrenzung: Tokkō und militärische Nachrichtendienste
Die Kempeitai war nicht die einzige politische Polizei Japans. Die Tokkō (Tokubetsu Kōtō Keisatsu, „Besondere Höhere Polizei“) entstand 1911 als Abteilung der Tokioter Polizei und war ab 1928 in allen Präfekturen vertreten. Sie gehörte zur zivilen Polizei unter dem Innenministerium und verfolgte vor allem Sozialisten und Kommunisten, später auch Liberale und religiöse Gruppen. Auf Anweisung des alliierten Hauptquartiers wurde sie im Oktober 1945 aufgelöst.[3] Beide Apparate unterdrückten abweichende Meinungen. Die Tokkō unterstand jedoch dem Innenministerium, die Kempeitai dem Heer.[1][3]
Auch von der militärischen Auslandsaufklärung ist die Kempeitai zu unterscheiden. Informationen über fremde Staaten und Streitkräfte sammelten Abteilungen des Generalstabs des Heeres.[4] Die Kempeitai dagegen war eine Polizei mit Zwangsbefugnissen. Sie konnte festnehmen, verhören und festhalten. Ihre nachrichtendienstliche Arbeit richtete sich vor allem auf Spionageabwehr und auf die Überwachung der eigenen Bevölkerung oder der Bevölkerung unter japanischer Herrschaft.[1][5]
Was tat die Kempeitai in Kolonien und besetzten Gebieten?
In Korea erhielt die Kempeitai ab 1907 weitreichende Polizeiaufgaben. Dort unterstand sie dem Generalresidenten und dem Armeebefehlshaber; japanische Lexika sprechen vom „Kempei-Polizeisystem“ und von gewaltsamer Unterdrückung der Bevölkerung.[1]
Im besetzten Singapur befahl die japanische Führung nach der britischen Kapitulation vom 15. Februar 1942 eine „Säuberung“, auf Chinesisch Sook Ching. Nach der Darstellung des Historikers Hayashi Hirofumi überprüfte die Kempeitai unter Oberstleutnant Oishi Masayuki vom 21. bis 23. Februar die Bevölkerung im Stadtgebiet. Als „antijapanisch“ eingestufte Männer wurden abtransportiert und erschossen.[8] Singapurs Kulturerbebehörde nennt als Zielgruppen unter anderem Freiwillige der britischen Verteidigungstruppe, Kommunisten und Waffenbesitzer. Das Verfahren wirkte willkürlich.[6][7] Die Zahl der Opfer ist umstritten: Die Kulturerbebehörde schätzt 25.000 bis 50.000 Opfer. Hayashi verweist auf 5.000 im Tagebuch des japanischen Befehlshabers Kawamura Saburō.[7][8]
Im Oktober 1943 führte die Kempeitai im Fall „Double Tenth“ 57 Zivilinternierte aus dem Gefängnis Changi zum Verhör ab. Sie verdächtigte die Internierten einer Sabotageaktion, die tatsächlich ein alliiertes Kommando von Australien aus verübt hatte (Operation Jaywick). Nach Angaben der australischen Hochkommission starben 15 von ihnen.[11] Das Urteil des Tokioter Gerichtshofs nennt unterirdische Folterräume unter anderem in Hanoi, Singapur und Bandung auf Java sowie Gräueltaten im Kempeitai-Gefängnis in Rangun.[5]
Einordnung: Warum die Verbindung von Polizei und Geheimdienst so gefährlich war
Die Geschichte der Kempeitai zeigt, warum demokratische Staaten Nachrichtendienst und Polizei trennen. Wer verdeckt Informationen sammelt, Menschen festnehmen und verhören darf und keiner unabhängigen Kontrolle unterliegt, kann Verdacht selbst erzeugen und bestätigen. Der Tokioter Gerichtshof stellte 1948 fest, dass Foltermethoden in allen Gebieten so einheitlich angewandt wurden, dass sie auf eine Politik schließen ließen. Er stellte außerdem fest, dass die Kempeitai vom Kriegsministerium verwaltet wurde und eine eigene Schule hatte.[5] Am 14. August 1945 wies ihr Kommandeur die Einheiten an, Unterlagen effizient zu verbrennen.[5]
Ein japanisches Lexikon weist schon für die Verordnung von 1881 auf ein Problem hin: Schutzbestimmungen für die Rechte der Bevölkerung aus einem Entwurf von 1874 fielen weg.[1] Ein ähnliches Muster aus Nachrichtendienst und Zwangsgewalt ohne gerichtliche Kontrolle findet sich bei der Gestapo. Beide Apparate unterschieden sich aber in Herkunft und Aufbau: Die Gestapo war eine zivile politische Polizei, die Kempeitai eine Truppe des Heeres. Wie die Trennung heute geregelt ist, erklärt der Beitrag Nachrichtendienst oder Polizei?.
Das heutige Japan zog daraus Konsequenzen. Die 1952 gegründete PSIA sammelt Informationen über Gefahren für die öffentliche Sicherheit, darf aber weder festnehmen noch durchsuchen.
Was geschah nach 1945?
Mit der Auflösung des Heeres endete auch die Kempeitai.[1] Ihre Angehörigen standen vor alliierten Militärgerichten. In Singapur verhandelte ein britisches Gericht 1946 den Fall „Double Tenth“ gegen 21 Angeklagte, darunter den Leiter der örtlichen Kempeitai, Sumida Haruzō.[10] Im Prozess zu den Massakern an Chinesen von 1947 wurden Kawamura Saburō und der Kempeitai-Kommandeur Oishi Masayuki zum Tod verurteilt. Fünf weitere Angeklagte erhielten lebenslange Haft.[9][12] In Niederländisch-Indien urteilten zwölf Kriegsgerichte von 1946 bis 1949 über mehr als 1.000 Japaner.[13]
Häufige Fragen
War die Kempeitai ein Geheimdienst?
Nicht im engeren Sinn. Sie war die Militärpolizei des Heeres, übernahm aber Spionageabwehr und politische Überwachung. Diese Verbindung von Informationsbeschaffung und Polizeigewalt prägte ihren Ruf.[1][5]
Was ist der Unterschied zwischen Kempeitai und Tokkō?
Die Kempeitai gehörte zum Heer. Die Tokkō war eine zivile politische Polizei unter dem Innenministerium. Beide wurden 1945 aufgelöst.[1][3]
Welche Rolle spielte die Kempeitai beim Sook Ching in Singapur?
Sie leitete im Februar 1942 die Überprüfungen im Stadtgebiet. Danach wurden die Ausgewählten erschossen.[6][8]
Mehr zur Einordnung finden Sie unter Geschichte der Nachrichtendienste, im Porträt der Gestapo und im Porträt der heutigen japanischen PSIA.
Zum Weiterlesen
Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.
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Quellen
- Kotobank: 憲兵 (Kenpei). Sammelseite japanischer Fachlexika; ausgewertet wurden die Einträge aus Yamakawa Nihonshi Shōjiten (Aufstellung 14.1.1881, Verordnung 11.3.1881), Nihon Daihyakka Zensho/Nipponica (Koketsu Atsushi: Artikel 1, Ausweitung, rund 26.000 Angehörige 1945), Heibonsha Sekai Daihyakka Jiten (Amemiya Shōichi: Entwurf 1874, Korea 1907, Gesinnungsabteilung 1928) und Britannica Kokusai Daihyakka Jiten. Abgerufen am 25.10.2026.
- Japan Center for Asian Historical Records (JACAR): Glossar: 憲兵 (Kempei). Glossareintrag des Archivportals zu Kempei-Verordnung 1881, Aufgaben und Hauptquartier 1889. Abgerufen am 25.10.2026.
- Kotobank: 特別高等警察 (Tokubetsu Kōtō Keisatsu). Lexikoneinträge (Yamakawa, Britannica Kokusai, Ōbunsha) zu Entstehung 1911, Ausweitung 1928 und Auflösung im Oktober 1945. Abgerufen am 25.10.2026.
- Japan Center for Asian Historical Records (JACAR): Glossar: 参謀本部第2部. Glossareintrag zur 2. Abteilung des Generalstabs, zuständig für Operationen und Informationen über bestimmte Regionen (Stand der Regelung von 1899). Abgerufen am 25.10.2026.
- International Military Tribunal for the Far East: Judgment, Chapter VIII: Conventional War Crimes (Atrocities). Urteil von 1948, Abschrift der HyperWar Foundation; ausgewertet die Passagen zur Kempeitai (Folter, Verwaltung durch das Kriegsministerium, Vernichtung von Unterlagen). Abgerufen am 25.10.2026.
- Roots.sg (National Heritage Board Singapore): Sook Ching Inspection Centre. Gedenkort-Beschreibung mit den Zielgruppen der Überprüfung. Abgerufen am 25.10.2026.
- Roots.sg (National Heritage Board Singapore): Jalan Puay Poon. Beschreibung eines Massengrab-Orts mit Opferschätzung 25.000 bis 50.000. Abgerufen am 25.10.2026.
- Hayashi Hirofumi: Massacre of Chinese in Singapore and Its Coverage in Postwar Japan. Forschungsbeitrag des Historikers (Kanto-Gakuin-Universität) zu Befehlskette, Ablauf und Opferzahlen; Online-Fassung auf einer Dokumentationsseite. Abgerufen am 25.10.2026.
- The National Archives (UK): WO 235/1004, Defendants Nishimura Takuma, Kawamura Saburo, Oishi Masayuki u. a.. Katalogeintrag zur Prozessakte, Verhandlungsort Singapur, ab 10.3.1947. Abgerufen am 25.10.2026.
- The National Archives (UK): WO 235/891, Defendant Sumida Haruzo u. a.. Katalogeintrag zur Prozessakte mit 21 Angeklagten, Verhandlungsort Singapur, 1945–1946. Abgerufen am 25.10.2026.
- Australian High Commission Singapore: Operation Jaywick. Artikel vom 30.9.2013 zur Kommandoaktion und zum Double-Tenth-Vorfall. Abgerufen am 25.10.2026.
- Wai Keng Kwok / Genocide Studies Program, Yale University: Justice Done? Criminal and Moral Responsibility Issues in the Chinese Massacres Trial, Singapore, 1947. Working Paper No. 18, 2001; Volltext zu Aufbau der Aktion und Urteilen. Abgerufen am 25.10.2026.
- Indische Kamparchieven: Prosecution. Darstellung zu den Kriegsgerichten in Niederländisch-Indien 1946–1949. Abgerufen am 25.10.2026.