Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
„Der krasseste Geheimdienst der Welt“ – nach dieser Frage suchen viele, und die Antwort ist kürzer, als die Ranglisten im Netz vermuten lassen: Es gibt ihn nicht. „Krass“ ist keine Messgröße. Je nachdem, was man darunter versteht – Geld, Technik, Reichweite, Skrupellosigkeit oder spektakuläre Erfolge –, ragen andere Dienste heraus. Dieser Beitrag geht die gängigen Kriterien durch, nennt für jedes ein belegtes Beispiel und sagt, wo Zahlen fehlen.
Das Wichtigste in Kürze
- Kein Gesamtsieger: Es gibt kein überprüfbares Ranking; die meisten Staaten halten Haushalt, Personal und Einsätze ihrer Dienste geheim.
- Meiste Mittel: die USA mit einem Geheimdienstbudget von 73,3 Milliarden US-Dollar (Haushaltsjahr 2025).[1]
- Größte Durchdringung der Gesellschaft: die Stasi der DDR mit rund 91.000 hauptamtlichen und etwa 180.000 inoffiziellen Mitarbeitern (1989).[2]
- Bekanntester Einzelerfolg: die Entzifferung der Enigma in Bletchley Park; ihre Folgen wurden erst in den 1970er-Jahren öffentlich.[3]
- Auch die Großen irren sich: Vor dem Irakkrieg 2003 waren die Kernaussagen der US-Dienste zu Massenvernichtungswaffen überzogen oder nicht belegt.[4]
Warum die Frage kaum zu beantworten ist
Ein Geheimdienst ist darauf angelegt, möglichst wenig preiszugeben. Das gilt für Personal und Haushalt, erst recht für Operationen. Die Ranglisten, die „die mächtigsten Dienste“ der Welt aufzählen, stützen sich deshalb meist auf Schätzungen, Filmbilder und einzelne bekannte Fälle. Zudem sind die Dienste nicht vergleichbar: Ein reiner Abhördienst, ein Auslandsdienst, ein Militärnachrichtendienst und ein Inlandsdienst haben verschiedene Aufgaben. Welche Zahlen Staaten tatsächlich veröffentlichen, zeigt der Beitrag Die größten Geheimdienste der Welt: Budgets und Personal im Vergleich. Hier geht es um die Frage dahinter: Was könnte „krass“ überhaupt heißen?
Kriterium 1: Geld und Mittel
Das größte amtlich bekannte Budget haben die USA: Für das National Intelligence Program bewilligte der Kongress im Haushaltsjahr 2025 insgesamt 73,3 Milliarden US-Dollar, einschließlich Nachtragsmitteln.[1] Darin stecken viele Behörden zugleich, darunter CIA, NSA und weitere; die Aufteilung ist nicht öffentlich. Für Russland, China, Israel und viele andere Staaten gibt es keine vergleichbaren amtlichen Zahlen. Wer hier „am meisten“ sagt, kann das nur für die Länder belegen, die Zahlen nennen.
Kriterium 2: Technische Reichweite und Überwachung
Bei der Überwachung von Kommunikation arbeiten die Signalaufklärer fünf angelsächsischer Länder im Bündnis „Five Eyes“ zusammen: USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Die Grundlage ist das UKUSA-Abkommen, das am 5. März 1946 zwischen den USA und Großbritannien geschlossen wurde; Kanada trat 1948 bei, Australien und Neuseeland 1956.[5] Zu den beteiligten Diensten gehören die NSA und der britische GCHQ.
Wie weit solche Aufklärung reicht, war auch in Deutschland ein Thema: Der Bundestag untersuchte in einem eigenen Untersuchungsausschuss den Umfang und die Hintergründe der Ausspähung durch ausländische Nachrichtendienste in Deutschland. Der Ausschuss übergab seinen rund 1.800 Seiten starken Abschlussbericht am 28. Juni 2017.[6] Wie Kontrolle sonst funktioniert, erklärt der Beitrag Wer kontrolliert Nachrichtendienste?.
Kriterium 3: Durchdringung der eigenen Gesellschaft
Fragt man nach dem Dienst mit dem tiefsten Zugriff auf die eigene Bevölkerung, ist die Stasi das am besten dokumentierte Beispiel. Nach Angaben des Bundesarchivs hatte der hauptamtliche Apparat 1989 einen Umfang von 91.015 Mitarbeitern; dazu kamen für den Herbst 1989 rund 180.000 inoffizielle Mitarbeiter.[2] Für das KGB nennt das Deutsche Spionagemuseum eine Schätzung von rund 480.000 Beschäftigten (1991) – eine Schätzung, keine amtliche Zahl.[7] Beide Behörden gibt es nicht mehr. Der Vergleich zeigt vor allem, dass ein großer Apparat in einer Diktatur etwas anderes ist als ein kontrollierter Dienst in einem Rechtsstaat; siehe dazu Nachrichtendienst oder Polizei?.
Kriterium 4: Verdeckte Operationen im Ausland
Der Ruf einzelner Dienste beruht oft auf verdeckten Einsätzen. Die CIA führt nach eigener Darstellung neben der Informationsbeschaffung auch verdeckte Aktionen auf Weisung des Präsidenten durch.[8] Der israelische Mossad hat nach eigener Darstellung den Auftrag, Informationen zu beschaffen und „Sonderoperationen“ durchzuführen; das Deutsche Spionagemuseum schätzt seine Größe auf rund 7.000 Mitarbeitende (2018).[7][9] Ein gut dokumentierter Fall ist die Ergreifung von Adolf Eichmann: Israelische Agenten nahmen ihn am 11. Mai 1960 in Argentinien fest; den Einsatz leitete der Mossad, die Mehrheit des Teams stellte der Inlandsdienst Schin Bet. Eichmann wurde in Jerusalem vor Gericht gestellt, am 15. Dezember 1961 zum Tod verurteilt und am 1. Juni 1962 hingerichtet.[10] Über laufende Operationen gibt es dagegen in der Regel keine belastbaren öffentlichen Angaben; Berichte darüber stammen meist aus Medien und Memoiren und lassen sich nur eingeschränkt prüfen.
Kriterium 5: Der größte Erfolg
Vielleicht der folgenreichste Erfolg der Nachrichtendienstgeschichte liegt über 80 Jahre zurück: die Entzifferung der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma. Die ersten Erfolge erzielte der polnische Mathematiker Marian Rejewski 1932; in Großbritannien wurde das Verfahren in Bletchley Park ausgebaut.[3][11] Die Alliierten konnten deutsche Funksprüche mitlesen, was besonders den U-Boot-Krieg im Atlantik beeinflusste; die Geheimhaltung reichte bis in die 1970er-Jahre.[11] Aus dem britischen Codeknackerdienst ging der heutige GCHQ hervor.
Kriterium 6: Wer sich auch irrt
„Krass“ ist nicht gleich „unfehlbar“. Vor dem Irakkrieg 2003 hatten die US-Dienste behauptet, Irak besitze Massenvernichtungswaffen. Der Geheimdienstausschuss des US-Senats kam in seinem Bericht vom Juli 2004 zu dem Ergebnis, dass die meisten Kernaussagen der Lagebeurteilung (National Intelligence Estimate) vom Oktober 2002 entweder überzogen waren oder von den zugrunde liegenden Berichten nicht gestützt wurden; den Bericht fasst die Presse so zusammen, dass die CIA vor dem Krieg eine „badly flawed“ Lagebeurteilung geliefert habe.[4][12] Das ist kein Einzelfall, sondern zeigt, dass auch große, gut ausgestattete Dienste irren können. Ein Dienst, der sich nicht kontrollieren lässt, kann seine Fehler allerdings schlechter korrigieren.
Häufige Fragen
Welcher Geheimdienst ist der mächtigste? Das lässt sich nicht belegen. Beim Geld liegen die USA vorn, soweit Zahlen bekannt sind;[1] bei der Signalaufklärung bilden die Five-Eyes-Dienste ein gemeinsames Bündnis,[5] bei der Durchdringung der Gesellschaft war es die Stasi.[2] Aussagen zu Russland oder China lassen sich mangels amtlicher Angaben nicht belegen.
Welcher Geheimdienst ist der gefährlichste? Auch das ist eine Wertung. Aus deutscher Sicht nennt das Bundesamt für Verfassungsschutz die russischen Dienste an erster Stelle der Schwerpunkte der Spionageabwehr;[13] mehr dazu im Beitrag Russische Nachrichtendienste und in Spionage und Spionageabwehr.
Welcher Geheimdienst ist der beste? Die Qualität eines Dienstes lässt sich von außen kaum beurteilen. Erfolge bleiben oft jahrzehntelang geheim, wie das Beispiel Enigma zeigt;[11] Misserfolge werden dagegen öfter bekannt.
Was ist mit den Filmen? James Bond, Jason Bourne und Ethan Hunt bestimmen das Bild vom „krassen“ Agenten, haben aber mit der Arbeit der Dienste wenig zu tun. Zur Abgrenzung siehe Fiktionale Agenten.
Was bleibt
Wer wissen will, welcher Dienst am meisten kann, muss zuerst sagen, was er messen will. Mit Geld lässt sich das für wenige Staaten belegen, mit Reichweite und Wirkung nur in Einzelfällen. Seriöser als ein Ranking ist der Blick auf Aufgabe, Kontrolle und Geschichte einzelner Dienste; die Porträts und Länderüberblicke finden Sie unter Dienste. Fachbegriffe erklärt das Glossar.
Zum Weiterlesen
Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zum Cyberkrieg
EinstiegWolfgang Krieger · C.H.Beck, 4. Auflage 2026 – Die Geschichte der Nachrichtendienste weltweit, von der Antike bis in die Gegenwart.
Permanent Record. Meine Geschichte
ErinnerungenEdward Snowden · Fischer Taschenbuch, 2020 – Erinnerungen (432 Seiten) des früheren Geheimdienst-Mitarbeiters, der 2013 Unterlagen der NSA öffentlich machte.
Die Stasi 1945–1990
EinstiegJens Gieseke · Pantheon, 6. Auflage 2011 – Kompakte Gesamtdarstellung (368 Seiten) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.
Der Schattenkrieg. Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad
SachbuchRonen Bergman · Penguin, Taschenbuch 2019 (Originaltitel: Rise and Kill First) – Umfangreiches Sachbuch (864 Seiten) des israelischen Journalisten über gezielte Tötungen durch israelische Dienste.
Affiliate-Links: Wenn Sie über diese Links bei Amazon kaufen, erhalte ich eine kleine Provision; der Preis bleibt für Sie gleich. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
Quellen
- Office of the Director of National Intelligence: DNI Releases Appropriated Budget Figure For 2025 National Intelligence Program. News Release No. 39-25, 31.10.2025, abgerufen am 14.10.2026.
- Bundesarchiv: Was war die Stasi? und Hauptamtlicher Mitarbeiter (MfS-Lexikon). Abgerufen am 13.10.2026.
- Museum für Kommunikation Nürnberg: Enigma – Geschichte. Abgerufen am 13.10.2026.
- Acronym Institute (Wiedergabe des Berichts des Senate Select Committee on Intelligence vom 9.7.2004): Report on the U.S. Intelligence Community’s Prewar Intelligence Assessments on Iraq, Conclusions. Abgerufen am 14.10.2026.
- Wikipedia: Five Eyes. Abgerufen am 14.10.2026.
- Deutscher Bundestag: Übergabe des Abschlussberichts des 1. Untersuchungsausschusses (NSA). 28.06.2017, abgerufen am 14.10.2026.
- Deutsches Spionagemuseum: Secret Services of the World. Abgerufen am 13.10.2026.
- Central Intelligence Agency: About CIA. Abgerufen am 13.10.2026.
- Mossad: About. Abgerufen am 13.10.2026.
- Wikipedia: Adolf Eichmann. Abgerufen am 14.10.2026.
- Deutsches Patent- und Markenamt: Enigma (Meilensteine – Computer-Pioniere). Stand 12.01.2026, abgerufen am 13.10.2026.
- NPR (ideastream): Senate Panel Decries Pre-War Intelligence on Iraq. 10.07.2004, abgerufen am 14.10.2026.
- Bundesamt für Verfassungsschutz: Akteure und Aktionsfelder. Abgerufen am 14.10.2026.