Zuletzt aktualisiert: · Von Klaus Weber · Mit Quellen belegt
Die Enigma war die Chiffriermaschine, mit der die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Funksprüche verschlüsselte. Sie gilt als berühmtestes Beispiel dafür, wie Nachrichtendienste Verschlüsselung brechen. Dieser Beitrag erklärt, wie die Maschine funktionierte, wer sie entzifferte und warum ihr Fall bis heute zur Geschichte der Kryptografie gehört – dem Fachgebiet, das Kommunikation vor Unbefugten schützen soll.[1][3]
Das Wichtigste in Kürze
- Erfinder: Arthur Scherbius (1878–1929), Patent 1918.[1][2]
- Prinzip: Walzen, Reflektor und Steckerbrett verwandeln jeden Buchstaben; der Schlüssel wechselte täglich.[1][2]
- Entzifferung: erste Erfolge des polnischen Mathematikers Marian Rejewski 1932, später Ausbau in Bletchley Park (Turing, Welchman).[1]
- Folge: Die Alliierten lasen deutsche Funksprüche mit; das Wissen blieb bis in die 1970er-Jahre geheim.[2]
Wie die Enigma funktionierte
Der Physiker Arthur Scherbius erhielt 1918 ein Patent auf eine „Schlüsselmaschine“, die er Enigma nannte; die Patentanmeldung datiert vom 23. Februar 1918 (Patent DE 416219).[1][2] Das Militär lehnte die Maschine zunächst ab. Erst ab 1926 interessierte sich die Wehrmacht dafür, nachdem bekannt geworden war, dass die Briten im Ersten Weltkrieg deutsche Funksprüche mitgelesen hatten.[1]
Die Maschine verschlüsselte so: Ein Steckerbrett vertauscht zehn ausgewählte Buchstabenpaare. Drei Walzen vertauschen jeden Buchstaben, dazu kommt ein Reflektor, der den Strom zurück durch die Walzen schickt; insgesamt entstehen sieben Vertauschungen in den Walzen. Vor dem Aufleuchten im Lampenfeld durchläuft der Buchstabe das Steckerbrett erneut.[1] Der Schlüssel bestand aus der Belegung des Steckerbretts, der Auswahl und Reihenfolge der Walzen sowie ihrer Ausgangsposition.[1] Die Zahl möglicher Schlüssel ist astronomisch groß; die Quellen nennen je nach Zählweise unterschiedliche Werte, etwa rund 158,9 Trillionen.[2]
Die Umkehrwalze (Reflektor) brachte allerdings eine Schwäche mit sich: Ein Buchstabe wurde nie mit sich selbst verschlüsselt. Diese Eigenschaft nutzten Codeknacker aus.[2] Im Zweiten Weltkrieg waren auf deutscher Seite rund 50.000 Exemplare im Einsatz.[1]
Wie sie geknackt wurde
Polen. Der Mathematiker Marian Rejewski entzifferte die Enigma nach Angaben des Museums für Kommunikation 1932. Er nutzte dafür Spruchschlüssel, Codebücher und Dokumente des Spions Hans-Thilo Schmidt und entwickelte später eine Entschlüsselungsmaschine, die „Bombe“ (polnisch „Bomba“).[1][2] Kurz vor dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 erhielten Frankreich und England die Baupläne und Nachbauten der Maschine.[1]
Bletchley Park. In der britischen Dienststelle Bletchley Park entwickelten Alan Turing und Gordon Welchman die Bombe weiter. Mit sogenannten „Cribs“ – wahrscheinlich im Klartext vorkommenden Wörtern – verkürzte sich die Suche nach dem Tagesschlüssel auf etwa eine Stunde. Nach Angaben des Museums entschlüsselte Bletchley Park etwa 70 Prozent der Enigma-Funksprüche; rund 10.000 Codebreaker arbeiteten dort, meist Frauen.[1]
Marine-Enigma. Ab 1942 stellte die Marine-Enigma M4 mit vier Walzen ein Hindernis dar; die Erbeutung des U-Boots U-559 samt Codebüchern half den Alliierten, dieses Hindernis zu überwinden.[2]
Bedeutung und Einordnung
Die Alliierten konnten deutsche Funksprüche mitlesen, was besonders den U-Boot-Krieg im Atlantik beeinflusste.[2] Das Museum für Kommunikation schreibt, die Alliierten hätten strategische Informationen gewonnen, die den Kriegsverlauf entscheidend zu beeinflussen halfen.[1] Auf deutscher Seite glaubte man bis zuletzt an die Sicherheit der Enigma; die Geheimhaltung des Wissens um die Entzifferung reichte bis in die 1970er-Jahre.[2] Der Verfasser des Beitrags des Deutschen Patent- und Markenamts schätzt, die Entschlüsselung habe den Krieg verkürzt und möglicherweise Millionen Menschenleben gerettet – das ist eine Einschätzung des Autors, keine belegte Zahl.[2]
Von der Enigma zur Kryptografie von heute
Der Kryptografie-Experte Albrecht Beutelspacher ordnet die Enigma in die lange Geschichte der Verschlüsselung ein: von der antiken Skytale über das Caesar-Verfahren bis zu Auguste Kerckhoffs, der 1833 formulierte, dass die Sicherheit eines Verfahrens nicht davon abhängen darf, dass es geheim bleibt, sondern nur vom Schlüssel. 1918 meldete Scherbius die Enigma zum Patent an; die Briten knackten sie im Zweiten Weltkrieg mithilfe polnischer Vorarbeiten. Mit dem Computer endete die Ära der mechanischen Verschlüsselung; 1976 entwickelten Diffie und Hellman die Idee der Public-Key-Kryptografie, 1978 folgte mit RSA das erste solche Verfahren. Public-Key-Verfahren sind heute alltäglich, etwa bei E-Mail und Onlinebanking.[3]
Wie Nachrichtendienste heute Verschlüsselung und Kommunikation aufklären, erklärt der Beitrag Wie Nachrichtendienste arbeiten (Stichwort SIGINT). Den Zusammenhang zur Geschichte der Dienste zeigt Eine kurze Geschichte der Nachrichtendienste. Begriffe erläutert das Glossar.
Wie die britische Dienststelle aufgebaut war, wie aus entschlüsselten Funksprüchen Erkenntnisse wurden und wie das Geheimnis bis in die 1970er-Jahre gewahrt blieb, erklärt der Beitrag Bletchley Park.
Häufige Fragen
Wer entschlüsselte die Enigma zuerst?
Der polnische Mathematiker Marian Rejewski entzifferte die Enigma 1932. Polnische Vorarbeiten und Geräte wurden 1939 mit Frankreich und Großbritannien geteilt; in Bletchley Park entwickelten Alan Turing und Gordon Welchman die Verfahren weiter.[1][2]
Welche Schwäche hatte die Enigma?
Durch die Umkehrwalze wurde ein Buchstabe nie mit sich selbst verschlüsselt. Diese Eigenschaft nutzten die Entschlüssler aus; die Sicherheit hing außerdem von den Einstellungen und der Anwendung ab.[1][2]
Zum Weiterlesen
Geheime Botschaften. Die Kunst der Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeiten des Internet
EinstiegSimon Singh · dtv, Taschenbuch (Originaltitel: The Code Book) – Gut lesbare Geschichte der Kryptologie (464 Seiten), unter anderem zur Enigma.
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Quellen
- Museum für Kommunikation Nürnberg: Enigma – Geschichte. Abgerufen am 13.10.2026.
- Deutsches Patent- und Markenamt: Enigma (Meilensteine – Computer-Pioniere). Stand 12.01.2026, abgerufen am 13.10.2026.
- Albrecht Beutelspacher: Eine kurze Geschichte der Kryptografie. Aus Politik und Zeitgeschichte (bpb), 10.11.2017, abgerufen am 13.10.2026.